Stickerei

Mittwoch, 24. Mai 2017 06:16
Osterfestkreis, Liturgie: weiss

Esther, Franz Pfanner, Hl. Magdalena Sophie Barat, Hl. Johanna, Hl. Dagmar

Tagesspruch:
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Bernhard von Clairvaux in der Ikonographie

Eine Betrachtung des Wandteppichs im Kloster Thyrnau

Äbtissin Dr. Mechthild Bernart OCist.

Der Grund, Gott zu lieben, ist Gott.

Das Maß ist, ohne Maß zu lieben.

Bernhard von Clairvaux

Dieser Wandteppich zeigt den hl. Bernhard von Clairvaux, den bedeutendsten Heiligen des Zisterzienserordens, zu dem ich ja auch gehöre; einige Szenen aus seinem Leben und in der Mitte die berühmte Amplexusdarstellung.

Wie Sie hier oben an den Zahlen sehen 1090 – 1990 gab der 900. Geburtstag des heiligen Bernhard den Anstoß zur Herstellung dieses Wandteppichs. Ich selber habe ihn 1987/88 im Rahmen der Ausbildung zur Meisterin im Stickerhandwerk entworfen und gestickt. Er ist also mein Meisterstück. Der Behang misst 105 x 107 cm und wurde mit Leinengarn auf Leinengrund in freier Technik von Hand gearbeitet.

Ich habe mich beim Entwurf für diesen Wandbehang an der Lebensbeschreibung des hl. Bernhard, der „Vita prima s. Bernardi" orientiert, die neben den eigenen Werken dieses Heiligen die Hauptquelle bzgl. seines Lebens ist. Diese Urbiographie lag bis 1962 nur in Latein vor und es ist das Verdienst von P. Paul Sinz, einem Zisterzienser aus der Abtei Mehrerau, dieses Werk ins deutsche übersetzt, dann auch eingeleitet und herausgegeben zu haben.

Ich möchte zuerst

die Autoren der Vita des hl. Bernhard kurz vorstellen;

die äußeren Bilder des Wandbehanges erläutern,

ein wenig auf die Spiritualität des hl. Bernhard eingehen und dann

die Hauptdarstellung des Behanges erläutern: den Amplexus.

I. Vita prima s. Bernardi

Die „Vita prima s. Bernardi" ist in 6 Bücher gegliedert, stammt aus der Hand mehrerer Autoren und wurde zu Lebzeiten Bernhards geschrieben. Die wichtigsten Autoren sind:

Gottfried von Auxerre,

Wilhelm von St. Thierry

Arnald von Bonneval

Gottfried von Auxerre

Der bedeutendste und auch der erste Verfasser ist der Mönch Geoffrey/ Gottfried von Auxerre. Er war Schüler Abaelards in Paris, wandte sich aber auf die berühmte Pariser Predigt Bernhards hin von der Welt ab und trat 1140 mit 20 Freunden in Clairvaux ein. Bis zum Tod Bernhards war er dessen Sekretär, Vertrauter und Reisebegleiter. Es gab wohl niemanden, der den späten Bernhard besser kannte als Gottfried.

Über den frühen Bernhard zog er Erkundigungen ein und legte sie in den „Fragmenta de vita et miraculis s. Bernardi" 1146 schriftlich nieder. Diese Fragmenta waren dann die Grundlage und die Quelle für Wilhelm von St. Thierry und Arnald von Bonneval als Verfasser des 1. und 2. Buches und für ihn selbst als Verfasser der 3 weiteren Bücher der Vita.

Ein Jahr zuvor, 1145, hatte Gottfried von Auxerre Bernhard auf seiner Reise nach Südfrankreich begleitet und in einem ausführlichen Brief über dessen wunderbare Tätigkeit berichtet. Dieser Bericht ist neben einigen anderen dem 6. Buch der Vita beigeschlossen.

Im gleichen Jahr noch begann Gottfried Bernhards Briefe, die damals sehr begehrt waren, im „corpus epistolorum" zu sammeln. Diese Sammlung war der Grundstock für die Sammlung der Werke Bernhards.

Nach dem Tod der beiden Schreiber der ersten beiden Bücher der Vita, des Mönches Wilhelm von St. Thierry und Arnalds von Bonneval führte Gottfried das angefangene Werk fort und schrieb ein 3. 4. und 5. Buch. Das letztere vollendete er kurz nach Bernhards Tod, der am 20. August 1153 starb. Diesen 5 Büchern wurde als 6. Buch der Bericht Wilhelms über die Wundertätigkeit während der Südfrankreichreise 1145 angefügt. Den Abschluss bildet dann aber die Gedenkrede, die Gottfried von Auxerre zum 10. Jahrestag des hl. Bernhard 1163 in Clairvaux gehalten hat.

Nach der Fertigstellung der Vita wurde Gottfried 1156 Abt von Igny, 2 Jahre später Abt von Clairvaux, dritter Nachfolger des hl. Bernhard. Dort bemühte er sich mit Hingabe um die Heiligsprechung seines ehemaligen Abtes, die am 18. Januar 1174 durch Papst Alexander III. erfolgte.

Gottfried musste aber aus politischen Gründen schon nach einigen Jahren um 1163/64 als Abt von Clairvaux zurücktreten. Er wurde dann Abt von Fossanova/Italien, dann von Hautecombe/Schweiz. Seine letzten Lebensjahre scheint er wieder in Clairvaux, seinem Professkloster, verbracht zu haben und ist dort wohl auch gestorben.

Wilhelm von St. Thierry

Der Verfasser des ersten Buches, Wilhelm von St. Thierry entstammte einer vornehmen Lütticher Familie, genoss eine ausgezeichnete theologische Bildung und trat bei den Benediktinern zu Reims ein. 1120 wurde er Abt von St. Theoderich (Thierry). Durch den Einfluss des hl. Bernhard legte er 1135 sein Amt aber nieder und trat in das neugegründete Kloster Signy über. Bernhard und Wilhelm verband zeitlebens eine ungetrübte Freundschaft, die geprägt war von gegenseitiger Liebe und Verehrung. Es waren geistesverwandte Männer, die sich gegenseitig viel zu geben hatten.

Die Mönche von Clairvaux taten wohl keinen Missgriff, als sie Wilhelm um die Biographie ihres großen Abtes, seines Freundes baten. Wilhelm benutzte dazu die von Gottfried zusammengetragenen Unterlagen, die „Fragmenta...". Daraus entstand das erste Buch der „Vita prima s. Bernardi". Es umfasst Bernhards Leben bis 1130 (Beginn des Papstschismas). Wilhelm starb 1149, 4 Jahre vor Bernhard. So blieb die angefangene Biographie unvollendet.

Arnald von Bonneval

Für die Fortsetzung der Vita prima fanden die Mönche von Clairvaux wieder einen Freund Bernhards, den alten Benediktinerabt Arnald von Bonneval. Aber auch er konnte die Vita nicht vollenden, da er schon 3 Jahre nach Bernhard, also 1156 starb. Die Vita war bis zur Beilegung des römischen Schismas in Italien und Sizilien gediehen, das war 1138.

Die drei weiteren Bücher, das 3., 4. und 5. Buch, schrieb dann, wie wir schon wissen Gottfried von Auxerre.

Fassen wir zusammen:

Bernhards Vita wurde bereits zu seinen Lebzeiten verfasst und zwar von Autoren, die alle sehr freundschaftlich mit Bernhard verbunden waren. Es waren Männer, die für die damalige Zeit ‚objektiv' geschrieben haben, nicht gerade mit „wissenschaftlicher Kühle", aber doch selbstlos, bescheiden, sehr wach und mit hoher Reife und Bildung. Das sollte Gewähr genug sein für die Treue der Aussagen.

Darüber hinaus sollten wir aber nicht vergessen, dass damals eine Lebensbeschreibung eher die Funktion hatte, den Lesern die Heiligkeit des Porträtierten zu vermitteln. Er wurde also weniger in objektiven Daten dargestellt als vielmehr in seinen außerordentlichen Taten, vor allem anhand der Wunder, die er vollbracht hatte.

Lebensdaten Bernhards

Anhand dieser Vita habe ich nun diesen Wandteppich entworfen. Es war unmöglich, alle bedeutenden Ereignisse aus Bernhards Leben darzustellen, auch alle Wundererzählungen aufzugreifen. So war ich – wohl oder übel – gezwungen, eine Auswahl vorzunehmen. Sie sehen hier die einzelnen Szenen, die ich herausgegriffen habe und die ich gleich erläutern werde.

Damit wir diese leichter in Bernhards Leben einordnen können, möchte ich jetzt kurz einige seiner Lebensdaten vorstellen:

1090 Geburt auf Schloss Fontaines bei Dijon/Burgund;

1113 Eintritt ins Kloster Cîteaux mit 30 Gefährten;

1115 Aussendung zur Gründung von Clairvaux mit 12 Mönchen;

1118 Gründung des ersten Tochterklosters, Trois-Fontaines, von Clairvaux; Bernhard gründet insgesamt 68 Klöster von Clairvaux aus;

1124Beginn seiner literarischen Tätigkeit;

ab 1128Bernhard nimmt immer mehr Einfluss auf das kirchenpolitische u. weltliche Geschehen;

er ist auf dem Konzil von Troyes als Sekretär tätig;

er vermittelt im Streit zwischen Ludwig dem Dicken und dem Bischof von Paris;

1129/30 vermittelt Bernhard zwischen König Ludwig VI und dem Erzbischof von Sens;

1130 Papstschisma: Innozenz II und Aneklet II streiten um den Heiligen Stuhl, Bernhard mischt sich ein und unterstützt Innozenz,

auf dem Konzil von Étampes bewegt Bernhard König Ludwig VI. u. die franz. Bischöfe, sich Papst Innozenz II. anzuschließen und den Gegenpapst Anaklet II. als unrechtmäßig anzusehen;

kurz danach schließen sich König Lothar und der dt. Klerus dieser Entscheidung an, sowie König Heinrich I. von England;

1133-38Bernhard reist auf Wunsch des Papstes mehrmals als politischer Vermittler nach Italien;

1134 Bernhard schlichtet im Kampf um das Schisma den Streit mit Herzog Wilhelm von Aquitanien;

1137 er wird vom Papst nach Rom gerufen und vermittelt im Streit zwischen Papst und Kaiser; Vermittlungsversuche auch mit König Roger in Sizilien wegen des Schismas;

1138 Ende des Schismas durch Unterwerfung des 2. Gegenpapstes Victor IV.

1139Bernhard nimmt am 2. Laterankonzil teil;

1140 auf dem Konzil zu Sens drängt Bernhard auf Verurteilung der theologischen Ansichten Abaelards;

kurz danach Aussöhnung zwischen Bernhard u. Abaelard in Cluny;

1145 der Mönch Bernhard Paganello aus Clairvaux und Schüler Bernhards wird als Eugen III. neuer Papst; hierdurch wird Clairvaux politisch und kirchenpolitisch noch bedeutender;

die Sarazenen wenden sich gegen Jerusalem und Eugen III. ruft die Christenheit zum 2. Kreuzzug auf. Bernhard wird zum Kreuzzugsprediger ernannt

1146auf der Synode zu Vézélay hält Bernhard eine flammende Rede, um die Begeisterung für den Kreuzzug zu entflammen;

1146/47auf Reisen durch Frankreich, Flandern u. Deutschland wirbt Bernhard weiter u. kann Kaiser Konrad III. für den Kreuzzug gewinnen.

Bernhard war u.a. auf den Fürstentagen 1146 in Speyer und 1147 in Frankfurt;

er ist zutiefst betroffen, als der Kreuzzug durch Meinungsverschiedenheiten unter den Fürsten und Verrat der Griechen scheitert;

1150 Bernhard wird auf dem Konzil von Chartres zum Anführer eines neuen Kreuzzuges gewählt;

1153 am 20. August stirbt Bernhard in Clairvaux.

1174 Bernhard wird durch Papst Alexander III. heilig gesprochen;

1830Papst Pius VIII. ernennt Bernhard zum Kirchenlehrer.

II. Der Wandteppich

Betrachten wir jetzt die einzelnen Szenen des Wandteppichs.

Ich möchte dabei so vorgehen, dass ich erst das Bild kurz vorstelle und dann bei einigen Bildern die entsprechende Passage aus der „Vita Prima s. Bernardi" zitiere. Beginnen wir hier oben:

Bild 1: Bernhards Herkunft und Kindheit

Die Familie

Dieses erste Bild hier oben steht für Bernhards Herkunft und Familie, für seine Kindheit und Jugendzeit.

Es gibt zu diesem Thema zwar nur eine Szene auf dem Behang, aber in der Vita wird ziemlich viel darüber berichtet:

Bernhard stammt aus burgundischem Hochadel und wurde 1090/1091 als Sohn des burgundischen Vasallen Tezelin und dessen Gattin Aleth (Adelheid), die eine Tochter des Grafen Bernard von Montbard war, auf der Burg Fontaines bei Dijon als 3. von 7 Kindern geboren. Er hatte 5 Brüder und 1 Schwester.1

Zu seiner Herkunft heißt es in der Vita:

„1. Bernhard wurde in Burgund zu Fontaines-les-Dijon, einem Kastell seines Vaters, von Eltern geboren, die wegen ihrer Stellung in der Welt hoch angesehen, noch ehrenwerter und vornehmer aber durch ihre christliche Frömmigkeit waren. Sein Vater Tezelin war ein Vertreter des alten, echten und rechten Rittertums, ein Verehrer Gottes und Wahrer der Gerechtigkeit. Treu den Weisungen des Vorläufers, leistete er einen evangeliengemäßen Waffendienst: schlug keinen nieder, fügte niemand ein Unrecht zu, war zufrieden mit seinem Solde (Lk 3,14), ja er hatte davon noch übrig für jedes gute Werk. Seinen irdischen Gebietern diente er mit Rat und Waffe so, dass er nie versäumte, auch seinem Herrgott zu geben, was er ihm schuldete. Auch Mutter Aleth, die aus Schloss Montbard stammte, hielt sich in ihrer Stellung an die vom Apostel erteilte Mahnung: war ihrem Manne ergeben und führte unter ihm in Gottesfurcht das Hauswesen (Eph 5, 22); übte eifrig Werke der Barmherzigkeit und zog ihre Kinder groß in jeglicher Zucht. Sieben Kinder gebar sie - nicht so sehr ihrem Manne als vielmehr Gott: sechs Knaben und ein Mädchen, davon die Knaben alle dereinst Mönche, das Mädchen Nonne werden sollte. Gott, nicht der Welt gebar sie ihre Kinder, wie ich sagte; denn sie bot ein jedes gleich nach seiner Geburt auf ihren Händen Gott dar. Deshalb verschmähte sie, die hochadelige Dame, es auch, ihre Kinder an fremden Brüsten ammen zu lassen, als wollte sie mit ihrer Muttermilch auch das Gute, das die Mutter in sich hatte, in die Kinder flößen. Während sie heranwuchsen, erzog sie sie, solange sie ihr unterstanden, eher für die Wüste als für den Hof. Denn sie duldete keine Gewöhnung an leckere Speisen, sondern verabreichte ganz einfache und gewöhnliche Kost. Unter Gottes Eingebung gestaltete sie die Erziehung und Unterweisung ihrer Kinder zu einer Art unmittelbarer Vorbereitung für den Gang in die Klostereinsamkeit."2

In diesem Text wird wohl einiges idealisiert, um zu zeigen, aus welch frommer Familie Bernhard stammt. Aber der Text zeigt auch, dass die Kinder ganz normal aufwuchsen und nicht verwöhnt wurden. Die Mutter selbst hat sie erzogen, was damals in diesen Kreisen nicht selbstverständlich war.

Die Traumvision

Während der Schwangerschaft mit ihrem dritten Kind, also als sie Bernhard unter dem Herzen trug, hatte die Mutter eines Nachts einen Traum. Dieser wird in der Vita ausführlich berichtet. Den Menschen des Altertum, aber auch noch denen des Mittelalters war das Geheimnis, dass Auserwählte Gottes bereits im Mutterleib für eine besondere heilige Sache berufen werden, natürlich und vor allem auch bewusst. In der Heiligen Schrift gibt es einige Beispiele, sowohl im Alten und als auch im Neuen Testament, aber auch aus verschiedenen Heiligenleben ist dies bekannt:

Beim Propheten Jesaja (730 – 690 v. Chr.) heißt es im Zweiten Lied vom Gottesknecht

„Hört auf mich, ihr Inseln,

merkt auf, ihr Völker in der Ferne!

Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen;

Als ich noch im Schoß meiner Mutter war,

hat er meinen Namen genannt...." (Jes.49,1-2)

In der Berufungsgeschichte des Propheten Jeremia (627 – 580 v.Chr.) heißt es

„Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterschoß formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt." (Jer. 1,4-6).

Denken wir auch an Johannes den Täufer und Jesus selbst.

Der Traum der Mutter war ein prophetisches Traumgesicht, das die Bedeutung, die dieser Mensch in Welt und Kirche einst haben sollte, unterstreicht. Ich zitiere:

„2. Während Aleth als drittes in der Reihe ihrer Kinder Bernhard im Schoße trug, schaute sie einst ein prophetisches Traumgesicht. Ihr träumte, sie hätte ein bellendes, schneeweißes Hündchen mit rötlichem Rücken unter ihrem Herzen. Als sie voll Schrecken darüber einen Ordensmann zu Rate zog, erfasste dieser sogleich den Sinn der Prophetie, worin David von den heiligen Predigern zum Herrn spricht: „Die Zunge deiner Hunde vor den Feinden" (Ps 67,24), und erwiderte der vor Angst zitternden Mutter: „Fürchte dich nicht, die Sache steht gut. Du wirst die Mutter eines vortrefflichen Hundes sein; Wächter des Hauses Gottes wird er sein und deshalb ein gewaltiges Bellen gegen die Feinde des Glaubens erheben. Ein hervorragender Prediger wird er sein und wie ein guter Hund, mit heilkräftiger Zunge begabt, vieler Menschen kranke Seelen gesund machen." Diese Auskunft stimmte, wie von Gott empfangen, die fromme, gläubige Mutter selig. Von nun an war sie ganz durchglüht von Liebe zu ihrem damals noch gar nicht geborenen Sohne und trug sich mit dem Gedanken, ihn einst zum Studium der heiligen Wissenschaft zu schicken, weil das Traumgesicht und seine Deutung, die so Erhabenes von ihm versprachen, es so wollten. Dies geschah denn auch."3

Dass diese Vision der Mutter für den Sohn von entscheidender Bedeutung werden sollte, konnte eigentlich nicht ausbleiben. – Was die Liebe einer Mutter zu ihrem noch nicht geborenen Kinde zu bewirken vermag, lehrt uns Bernhards Lebensgeschichte.4

Sein Schulbesuch

Bernhard war also für eine kirchliche Karriere vorgesehen und erhielt dementsprechend eine klassische, lateinische Ausbildung. Die Eltern schickten ihn in die Lateinschule der Stiftsherren, der Kanoniker, von St. Vorles in Châtillon-sur-Seine. Bernhard war 8 Jahre alt und besuchte diese Schule 10 Jahre lang. Hier erhielt er eine hervorragende, gründliche theologisch-literarische Bildung, die ihm später sehr zustatten kam. Wenn man seine Sprachbeherrschung bedenkt, dann waren die Stiftsherren exzellente Lehrer in den Sieben Freien Künsten.

Die Weihnachtsvision

Hier in Châtillon hatte Bernhard am Weihnachtsfest 1098/1099, also im Alter von 8 Jahren, eine Vision, die sein Denken nachhaltig beeinflusste, und darüber hinaus auch nachhaltig Einfluss nahm auf das Denken des Abendlandes. In der Legenda Aurea heißt es:

„Als einmal Bernhard in der Heiligen Nacht, da unser Herr geboren wurde, in der Kirche auf die Matutin wartete und sich danach sehnte, zu wissen, in welcher Stunde der Nacht Christus geboren worden sei, erschien ihm das Jesuskind, wie wenn es vor seinen Augen nochmals aus dem Leib seiner Mutter geboren würde. Solange Bernhard lebte, glaubte er deshalb, dass dies die Stunde der Geburt des Herrn gewesen sei. Von dieser Stunde an war ihm ein noch tieferer Sinn für jenes Geheimnis geschenkt, und es war ihm gegeben, noch reicher darüber zu sprechen."5

Bernhard sieht also während der Weihnachtsmette die Geburt des Christkindes und er begreift – und das wird für ihn ganz wichtig -, dass Gott nicht nur der unnahbare Gott ist, der über allem thront, sondern dass er vor allem auch Mensch wurde und sich den Menschen zuneigt, zuwendet – einer von ihnen ist. Für uns ist dieser Gedanke heute selbstverständlich, aber damals eröffneten sich dadurch total neue Welten. Bernhards Spiritualität ist von dieser Einsicht ganz stark beeinflusst.

Ich möchte auch fast sagen, dass diese Vision Bernhards einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkt in der Weltgeschichte ist und – wie wir gesehen haben und sehen werden, hat Bernhard Weltgeschichte geschrieben.

Ausdruck fand diese neue Sicht unter anderem auch in der Kunst. Bisher wurde Christus vor allem als Pantokrator dargestellt, majestätisch, unnahbar, oder wenn als Gekreuzigter, dann eher als der Sieger, als König. Danach wurde der Pantokrator als Schmerzensmann dargestellt und der Gekreuzigte neigt sich zur Seite. Es ist die Zeit des Übergangs von der Romanik zur Gotik.

Bild 2: Der Eintritt in Cîteaux

Bernhards Berufung

1103 – Bernhard ist 13 Jahre alt – stirbt die Mutter. Bernhard, der sehr eng mit seiner Mutter verbunden war, wird durch ihren Verlust tief erschüttert. Er stürzt in eine tiefe Krise, die ihn jahrelang nicht zur Ruhe kommen lässt. Am Ende aber, nach 8 Jahren (1111), hat er seinen Lebensweg gefunden – er will ganz für Gott leben. Und das nicht etwa in Cluny, sondern in dem damals fast unbekannten, bestenfalls wegen seiner Strenge verrufenen Neuklosters Cîteaux (das Kloster bestand 13 Jahre).

In der Vita wird diese Phase des Suchens so beschrieben:

„Und indem er erwog, es sei vollkommener, die Welt zu verlassen, begann er zu suchen und zu forschen, wo er am sichersten und reinsten unter dem Joche Christi Ruhe für seine Seele finden könnte. Auf seiner Suche stieß er auf die frische Pflanzung des erneuerten monastischen Lebens zu Zisterz (Cîteaux).

9. Sobald aber seine Brüder, die ihn in irdischer Weise liebten, dahinter kamen, er trage sich mit dem Gedanken, ins Kloster zu gehen, boten sie alles auf, seinen Sinn auf das gelehrte Studium zu lenken und durch die Liebe zur weltlichen Wissenschaft an die Welt zu fesseln. Kein Wunder, dass es ihren Bemühungen, wie er zu versichern pflegt, beinahe gelungen wäre, ihn von seinem Schritte zurückzuhalten. Doch der Gedanke an seine heilige Mutter setzte ihm lästig zu. Oft schien er sie zu sehen, wie sie auf ihn zukam, sich beklagte und ihm Vorwürfe machte: Sie habe ihn nicht für derlei Tand und Zeitvertreib so fein erzogen und nicht in solcher Erwartung lernen lassen. Als er einst zu seinen Brüdern reiste, die unter dem Herzog von Burgund das feste Grancey belagerten, quälten ihn diese Gedanken besonders heftig. Auf halbem Wege fand sich eine Kirche. Bernhard bog dorthin ab, trat ein und betete unter einem Strom von Tränen, streckte die Hände gegen den Himmel und schüttete vor dem Angesicht seines Herrn und Gottes das ganze Herz wie Wasser aus. Von diesem Tage an war sein Herzensentschluss gefasst."6

Nun stand Bernhards Entschluss, ins Kloster einzutreten, fest. Und keine Macht der Welt konnte ihn mehr davon abbringen. Diejenigen, die dies am meisten versucht hatten, können sich jetzt seiner Anziehung- und Überzeugungskraft nicht mehr entziehen. So bringt Bernhard seine Brüder, einige Cousins und weitere junge Adelige dazu, sich ihm anzuschließen. Seine Ausstrahlung muss ungeheuer gewesen sein. Er spricht mit solch einer Wortgewalt und Autorität, dass sich ihm wenig Menschen verschließen konnten.

„Während Bernhard öffentlich und privat predigte, versteckten bereits Mütter ihre Söhne, hielten Weiber ihre Gatten fern, lenkten die Freunde ihre Freunde ab. Denn der Heilige Geist verlieh der Stimme Bernhards eine solche Kraft, dass kein Liebesband den Zuhörer zu halten vermochte..." 7

Nachdem Bernhards Familie sich zum Klostereintritt entschlossen hatte, gingen Bernhard und seine Gefährten noch etwa sechs Monate in Weltkleidern in ein Landhaus der Familie, wo sie sich unter seiner Leitung einer sechsmonatigen Einübung ins klösterliche Leben verschreiben.

Sein Eintritt in Cîteaux

1113 tritt dann die Gruppe von 30 jungen Leuten geschlossen ins burgundische Reformkloster Cîteaux ein.

„17. Als aber der Tag kam, das Vorhaben auszuführen und die Sehnsucht zu stillen, verließ Bernhard als Vater seiner Brüder mit seinen Brüdern als seinen geistlichen Söhnen, die er durch das Wort des Lebens Christo gezeugt hatte, das Vaterhaus. Wie Guido, der erstgeborene der Brüder, den jüngsten Bruder Nivard als Knaben unter anderen Knaben sah, rief er ihm zu: „Hallo, Bruder Nivard! Unser ganzer Landbesitz gehört dir allein." Bewegt erwiderte darauf der Knabe - nicht knabenhaft: „Was? Ihr nehmt den Himmel und lasst mir die Erde?" Diese Teilung war nicht gerecht. Das Wort war gesprochen, die Brüderschar weggezogen. Nivard musste damals noch beim Vater bleiben; doch währte es nicht lange, da folgte er den Brüdern und ließ sich weder vom Vater noch von Verwandten, noch von Freunden zurückhalten. So blieb von diesem gottgeweihten Hause nur der alte Vater mit seiner Tochter (Humbeline) übrig, von denen wir noch an seinem Orte sprechen werden. <....>

19. Im Jahre 1113 nach des Herrn Menschwerdung, im fünfzehnten Jahre nach der Gründung des Klosters Zisterz (Cîteaux), trat der Diener Gottes Bernhard im Alter von ungefähr dreiundzwanzig Jahren mit mehr als dreißig Gefährten zu Zisterz ein und legte unter Abt Stephan den Nacken unter das süße Joch Christi."8

Mit diesen jungen Leuten kam neues Leben in das „novum monasterium de cistercio". Das war auch dringend notwendig, denn wegen seiner Strenge hatte es wenig Nachwuchs.

Das Neukloster

Das „novum monasterium de cistercio" war 1098 von Robert von Molesme mit 21 seiner Mitbrüder als Reformkloster von der Benediktinerabtei Molesme aus gegründet worden. Mit dieser Gründung wandten sich die Gründermönche gegen das Mönchtum clyniazensischer Prägung, das von Prunk, Reichtum und Machtausübung gekennzeichnet war. Cîteaux war als klarer Protest gegen Cluny gedacht.

Die Gründerväter von Cîteaux, die drei Äbte Robert, Alberich und Stephan Harding wollten eigentlich nichts anderes, als das alte Mönchsideal neu verwirklichen.

5 Grundsätze oder Prinzipien charakterisieren ihr Leben:

1. die reine Regel.

Sie wollten die reine Regel leben. Dies war das eigentlich entscheidende Motiv für die Reform von Cîteaux: die Regel rein und strikt zu befolgen.

2.Einfachheit und Armut.

Sie verstanden sich im Zuge der damaligen Frömmigkeit ausdrücklich als die Armen Christi, die Paupera Christi, die arm mit dem armen Christus lebten.

3.Echtheit und Authentizität

Es ging ihnen um Echtheit und um die Authentizität alles dessen, was sie taten und lebten.

4, Einsamkeit

Sie wollten in der Einsamkeit leben.

Sie suchten zuerst den Rückzug aus der Gesellschaft und den feudalistischen Strukturen, dann suchten sie Orte in der Einöde oder gar Wildnis, um dort in besonderer Weise Gott zu begegnen. Und gerade wegen der Wildnis der Orte gaben sie diesen symbolträchtige Namen: Clara vallis – helles Tal; Vallis Dei – Gottestal; Porta Coeli – Pforte des Himmels/ Himmelspforte; Marienthal, Marienstatt, Marienstern, Gnadenthal, Seligenthal, Wonnenthal, ... .

Dieses Prinzip führt die Tradition der frühen Mönchsväter fort, die sich direkt in die Wüste zurückzogen, um ohne jede Ablenkung Gott zu begegnen, ja die mystische Gotteserfahrung in besonderer Weise zu leben.

5. Einheit bzw. Einförmigkeit

Sie wollten Einheit und Einförmigkeit in den verschiedenen Klöstern. Um diese zu erreichen, gab es die Visitationen durch den Vaterabt und das jährlichen Generalkapitel ein. (Das erste Kapitel fand 1115 in Cîteaux statt.)

In diese Neugründung, die am Anfang nur Neukloster von Cîteaux genannt wurde, trat nun der Adelige Bernhard mit seinen 30 Gefährten ein, die auch meist aus adeligen Familien stammten. Was das für einen Aufruhr in der damaligen Gesellschaft Burgunds gegeben haben muss, kann man sich nicht vorstellen. Normalerweise ging man ja nach Cluny.

Mit Bernhard kam neues Leben. Und nach ihm kamen viele junge Leute aus Burgund nach Cîteaux. So konnte Abt Stephan Harding innerhalb kürzester Zeit die ersten vier Tochterklöster von Cîteaux gründen:

1113 La Ferté,

1114Pontigny

1115Clairvaux.

1115Morimond,

Diese vier Klöster werden als Primarabteien bezeichnet, von denen aus sich der ganzen Orden dann weiter verbreitete.

Von Clairvaux aus wurde z.B. das erste Kloster auf deutschem Boden gegründet: Kamp am Niederrhein, auch das Kloster Himmerod in der Eifel, das heute noch bzw. wieder besteht nach der Säkularisation.

Bild 3: Die Gründung von Clairvaux

1115 wird Bernhard, er ist 25 Jahre alt, mit 12 Mönchen zur Gründung des Klosters Clairvaux ausgesandt: clara vallis – helles Tal, lichtes Tal, wird er diese Gründung nennen. Clairvaux wurde nach Cîteaux das bekannteste und berühmteste Kloster des Zisterzienserordens.

Unter diesen zwölf Mönchen, die mit ihm nach Clairvaux ziehen, nennen die Quellen drei seiner Brüder: Guido, Gerard, Andreas, dann auch seinen Onkel Gaudrich, seinen Neffen Gottfried von la Roche und einen Bruder namens Guibert. Man könnte fast von einem Hauskloster sprechen, was aber damals keine Ausnahme war.

„25. Als es Gott gefiel, in Bernhard, den er aus der Welt ausgeschieden und auserwählt hatte, durch noch reichere Gnaden seinen Ruhm zu offenbaren und durch ihn viele „in der Zerstreuung lebende Kinder Gottes in eins zu sammeln" (Jo 11,52), da legte er Abt Stephan den Gedanken ins Herz, Bernhards Brüder zur Gründung eines Klosters, des Klosters Clairvaux, auszusenden. Bei ihrem Auszug setzte er ihnen Bernhard als Abt vor. Zu deren höchlichster Verwunderung; waren sie doch im Orden wie in der Welt gereifte, tüchtige Männer, dieweil sie für ihn in Anbetracht seiner zarten Jugendlichkeit, seiner körperlichen Schwäche und seiner mangelnden Erfahrung in äußeren Geschäften fürchten mussten.

Clairvaux aber war ein Ort im Gebiete von Langres, unweit des Aube-Flusses, ein alter Schlupfwinkel für Räuber. Von alters her hieß der Ort "Wermuttal", sei es wegen des dort üppig wuchernden Absinths, sei es wegen der bitteren Leiden derer, die dort in Räuberhände fielen. An diesem „Orte des Grauens und der weiten Öde" (Dt 32,10) also setzten sich jene Kraftmenschen fest, um aus einer Räuberhöhle einen Tempel Gottes und ein Haus des Gebetes zu machen (vgl. Mt 21,13). Hier dienten sie Gott einige Zeit hindurch in Armut im Geiste, in Hunger und Durst, in Kälte und Blöße und in vielen Nachtwachen. Ihre Gerichte bereiteten sie oft aus Buchenblättern. Ihr Brot bestand gleich dem des Propheten aus Gerste, Hirse und Spelt (Ez 4,9); einmal nahm ein Mönch, dem man es als Gast vorgesetzt hatte, es heimlich unter hellen Tränen mit sich, um es als Wunder allen zu zeigen: „Von solchem Brote leben diese Menschen, und solche Menschen!"9

„Bernhard und seine zwölf Mitbrüder verließen Kirche und Kloster Cîteaux. Der Konvent bereitete ihnen einen feierlichen Auszug. Unter den Tuniken trugen die Mönche die zum Gottesdienst notwendigen Geräte. Nach ein bis zwei Tagen hatten sie die Grenze der Hochebene von Langres und das Tal der Aube erreicht. Sie kamen durch La Ferté und Ville und machten in der Nähe halt. Von hier erstreckt sich das etwa tausend bis zwölfhundert Meter lange Tal der Aube, unter dem Namen „Wermuttal" bekannt. In diesem Tal, das sich nach Osten weit öffnet und nach Westen verengt, und in dem sich vom Morgen bis zum Abend das Licht speichert, weil es durch die umrahmenden Hügel zurückgeworfen wird, beschlossen Bernhard und seine Gefährten die Gründung von Clairvaux, das zum „lichten Tal" werden sollte. <...>

Die ersten Klostergebäude waren dürftig und klein. Dort fühlte sich die Klostergemeinde bald sehr eingeengt. Niemand hatte vorausgesehen, dass die Klosterfamilie so rasch anwachsen würde. Schlicht und ohne Reichtum, wie es der Brauch der Zisterzienser forderte, zeigte der Hauptaltar das Bild der allerseligsten Jungfrau. Sie war die Schutzpatronin der Abtei. Die Mitbrüder Bernhards hatten den Altar nur mit einem hölzernen Blatt geschmückt. Die beiden anderen Altäre der Kirche waren den Heiligen Benedikt und Laurentius geweiht. Sonst sah man keinerlei Verzierung, Bildhauerkunst oder Malerei in der Kirche."10

Hier nun entfaltet Bernhard seine Theologie, nimmt Einfluss auf Kirche und Welt – so sehr, dass man die 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts als das Bernhardinische Zeitalter bezeichnete und heute noch so nennt.

Bernhards Einfluss auf den Zisterzienserorden ist so groß, dass er oft als dessen Gründer angesehen wird. Er ist es nicht: das „novum monasterium de Cistercio" bestand bereits 15 Jahre als er dort 1113 eintrat.

Aber Bernhard hat die Spiritualität des Ordens geprägt. Ohne ihn hätte dieser sicher ein ganz anderes Gesicht bekommen – denn die Bibel des hl. Stephan Harding aus der Gründerzeit z.B. kennt nicht die herbe Schlichtheit des hl. Bernhard. Das Bilderverbot, die spätere Schmucklosigkeit sind am Anfang unbekannt.

Bild 4: Der Aufbau der Gemeinschaft

Man kann ein Kloster nicht nur als Gebäude aufbauen, sondern muss auch die Gemeinschaft auf Gott hin formen. Von Bernhard sind über 700 Predigten, Ansprachen und Abhandlungen überliefert, die alle in den letzten Jahren neu übersetzt und im Tyrolia-Verlag herausgegeben wurden.

In Brief 142, den Bernhard 1138 an die Mönche von Aulps schriebt, fasste er zusammen, was er über Zisterzienserspiritualität zu sagen hatte:

Unser Stand, man kann auch übersetzen: unsere Lebensform; im Original heißt es Ordo noster, also:

„Unser Stand ist Erniedrigung, ist Demut, ist freiwillige Armut, Gehorsam, Friede und Freude im Heiligen Geist. Unser Stand bedeutet, unter einem Lehrer zu stehen, unter einem Abt, unter der Regel und Disziplin. Unser Stand ist, sich um Schweigsamkeit bemühen, sich üben im Fasten, in Nachtwachen, im Gebet, in der Hände Arbeit und vor allem aber den höheren Weg gehen, der die Liebe ist; schließlich in all diesen Bestrebungen von Tag zu Tag Fortschritte zu machen und in ihnen auszuharren bis zum letzten Tag."11

Eigentlich lässt sich die Art und Weise, Zisterzienserspiritualität zu leben, kurz in drei Worten zusammenfassen, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben:

Gebet (in Gemeinschaft und privat),

Lectio divina (Lesen bzw. Hören der Hl. Schrift) und

Arbeit. Oratio, lectio et labor

Bild 5: Bernhards geistliches Leben

Er meditierte am liebsten in Wald und Feld

Im geistlichen Leben kann man nur das weitergeben, was man selber lebt, sonst wird man unglaubwürdig. Von Bernhard wird berichtet, dass er die Hl. Schrift in- und auswendig konnte und kannte und in seinen Predigten die Zitate aus der Hl. Schrift und seine Worte eins waren. Er dachte in biblischen Worten und er sprach auch in biblischen Worten. Aber von nichts kann auch nichts kommen. Man muss schon selbst ein intensives geistliches Leben führen. Von Bernhard heißt es, dass er am liebsten draußen unter den Bäumen meditierte, denn von ihnen konnte er am meisten lernen:

Ich zitiere nach Duby:

„Er meinte, das Beste zu erlangen,

indem er in Wald und Feld meditierte u. betete

und hierbei außer den Eichen und Buchen

keinen anderen Meister hatte."12

Es heißt auch von Bernhard:

„War er aber von dergleichen Handarbeiten frei, so betete, las oder betrachtete er stets. Bot sich ihm zum Gebete die Einsamkeit, nutzte er sie; wo nicht, da schuf er sich wo immer, ob allein oder unter der Menge, eine Einsamkeit des Herzens und war so überall allein.

Die kanonischen heiligen Bücher las er oft und gern, und dies mit einfältigem Sinn, und „der Reihe nach" (Mönchsregel, Kap. 48). Er sagte, er verstehe die Bibel am besten mit ihren eigenen Worten; und was ihm bei ihrer Lesung an göttlicher Wahrheit und Kraft aufleuchtete, das, bekannte er, schmeckte ihm aus erster Quelle besser als aus den abgeleiteten Rinnsalen der Erklärungen. Doch las er auch demütig die heiligen und rechtgläubigen Erklärer und stellte seine Ansichten nicht gleichberechtigt neben die ihren, sondern ordnete sie ihnen gelehrig unter; und indem er ihren Fußstapfen folgte, trank er häufig aus der Quelle, aus der jene geschöpft hatten. Daher kommt es, dass er, voll jenes Geistes, von dem die ganze Heilige Schrift göttlich inspiriert ist, sich ihrer bis heute so mutig wie fruchtbar gemäß den Worten des Apostels „zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung" (2 Tim 3,16) bedient. Und was immer er bei Verkündigung des Wortes Gottes aus der Heiligen Schrift vorlegt, das gestaltet er so einleuchtend und gefällig und, was das Ziel der Rede betrifft, so wirksam und aufrüttelnd, dass jedermann, ob Philosoph oder Theologe, über die anmutsvollen Worte, die aus seinem Munde fließen, erstaunt ist (Lk 4,22)."13

Die Theologie Bernhards

Für die Theologie Bernhards gab es bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts keinen Begriff, mit dem sie beschrieben werden konnte. Erst Dom Jean Leclerc definierte in seinem Werk „Wissenschaft und Gottverlangen. Zur Mönchstheologie des Mittelalters" die Eigenart der Theologie des hl. Bernhard als „Monastische Theologie" und setzte diese in Gegensatz zur scholastischen Theologie.

Das Spezifische dieser Theologie ist nicht das diskursive und argumentative Denken, sie beschäftigt sich nicht mit dem forschenden und denkenden Durchdringen der Hl. Schrift oder einer Glaubenswahrheit – das ist Sache der scholastischen Theologie.

Das Spezifische der monastischen Theologie ist vielmehr die persönliche, individuelle Glaubenserfahrung des Mönches, die zur Sprache gebracht wird. Was diese Theologie beschäftigt, ist die Betrachtung und Schau der Geheimnisse der Heilsgeschichte, die Freude an ihnen und schließlich die Vereinigung mit Gott selbst.

Geheimnis, Mysterium wird dabei zu einem theologischen Schlüsselbegriff. Die Geheimnisse sind zu verehren und anzubeten, nicht zu durchforschen.

Ein weiterer Schlüsselbegriff der monastischen Theologie ist Erfahrung – experiri – im Sinne von religiöser innerer Erfahrung. Und Bernhard ist ein Meister darin, seine Gotteserfahrung mit Worten der Hl. Schrift zu beschreiben.

Die Methode der monastischen Theologie ist, wie gesagt, nicht das forschende Durchdringen, nicht so sehr die quaestio oder disputatio, sondern die lectio, meditatio, oratio und contemplatio. Es geht nicht so sehr um das scire – Wissen, sondern um das gustare – Schmecken und Verkosten.

Diese Theologie, so scheint es, hat bei den Zisterziensern ihren Höhepunkt erreicht. Jedenfalls hat sie in Bernhard ihren Ursprung und ihr Vorbild, wenn er vor allem die affektiven Elemente und die Liebe betont.

Bild 6: Der Brief im Regen, eine Wundererzählung

Dieses Bild erzählt von einem Wunder, das sich durch den hl. Bernhard ereignet hat. In der Vita gibt es viele Wundererzählungen, denn in den Augen der damaligen Menschen war jemand heilig, wenn er Wunder wirkte, wenn Wunder von ihm bekannt waren. Je mehr Wunder, umso heiliger!

Vom hl. Bernhard sind viele Wunder bekannt. Ich habe eines herausgegriffen, das sich tatsächlich ereignet haben soll:

Das Bild stellt folgende Erzählung:

„50. Bruder Robert, ein Mönch und Blutsverwandter des Heiligen, hatte sich bei seiner Jugendlichkeit durch die Überredungskunst gewisser Leute täuschen und dazu verleiten lassen, nach Cluny überzutreten. Der ehrwürdige Vater schwieg erst einige Zeit zu diesem Falle, beschloss aber dann, den Bruder brieflich zurückzurufen. Der ehrwürdige Wilhelm, der spätere Abt des Klosters Rieveaulx, brachte den Brief zu Papier. Es saßen aber beide unter freiem Himmel beisammen; sie hatten sich nämlich für das Briefdiktat von der Umzäunung des Klosters etwas entfernt. Plötzlich aber setzte ein unerwarteter Regen ein, und der Schreiber, von dem wir diese Episode haben, wollte das Pergament einstecken. Da sagte der Vater zu ihm: „Es ist ein gottesdienstliches Werk; schreibe und sei unbesorgt!" So schrieb er denn mitten im Regen - ohne Regen! Denn obwohl es ringsum regnete, beschirmte die Macht der Liebe das dem Regen ausgesetzte Pergament; und sie, die den Brief diktierte, schützte zugleich den Briefbogen. Nicht mit Unrecht wurde dieser Brief (Ep. 1) des großen Wunders wegen von den Brüdern an den Anfang seiner Briefsammlung gesetzt."14

Der Hintergrund zu diesem Bericht war ein konkreter Vorfall:

Es handelt sich um Robert von Châtillon, der ein Vetter Bernhards war. Ihn hatten die Eltern in frühester Kindheit dem Kloster Cluny geweiht. Robert trat aber dann statt in Cluny in Clairvaux bei den Zisterziensern ein. Das strenge Leben machte ihm zu schaffen und so trat er dann doch noch zu den Cluniazensern über. Dieser Abfall hat Bernhard schwer zu schaffen gemacht.

Arno Paffrath beschreibt diesen Vorfall so:

„Nach der Regel des hl. Benedikt musste ein Vater oder eine Mutter, wenn sie eines ihrer noch jungen Kinder dem Klosterleben widmen wollten, einen Schenkungsakt aufsetzen: „Wir weihen diesen Neugeborenen dem Dienste unseren Herrn Jesus Christus in Gegenwart Gottes und seiner Heiligen, damit er beharrlich bleibe alle Tage des Lebens." Das Schriftstück wurde in einen Zipfel des Altartuches gelegt, mit dem man die Hände des Kindes umwickelte. Daraufhin las der Priester die hl. Messe und brachte zugleich das hl. Opfer und das Kind Gott dar.

Bei der Aufopferung Roberts hatte diese Zeremonie nicht stattgefunden. Das Kind wuchs auf, ohne sich um das Gelübde zu kümmern, das ihn an Cluny band. So bat er mit anderen Mitgliedern seiner Familie um die Aufnahme in Cîteaux. Da Robert mit vierzehn Jahren noch zu jung war, dauerte es einige Jahre bis er das Mönchsgewand der Zisterzienser erhielt.

Schon bald verließ ihn der Mut, die harten Bußübungen durchzustehen. Er erinnerte sich an das Versprechen und stellte Vergleiche an zwischen dem leichteren Leben in Cluny und den strengen Zisterzienservorschriften.

Vergebens versuchte Bernhard Robert umzustimmen. Während der Abwesenheit Bernhards konnte sich der Prior vom Kloster Cluny ins Kloster Clairvaux einschleichen. Er pries das Wohlleben im Kloster und forderte die Befreiung von Arbeit und Askese. Die einschmeichelnden Worte des Priors brachten Robert dazu, ihm nach Cluny zu folgen.

Die an Entführung erinnernde Abreise Roberts nach Cluny machte den Abt von Cluny vorsichtig. Er schickte Gesandte zu Papst Calixtus II., die ihn von der Richtigkeit des Wechsels überzeugen konnten. Daher entband der Papst Robert von dem im Orden von Cîteaux abgelegten Gelübden und verpflichtete ihn für immer an den von ihm gewählten Zufluchtsort in Cluny.

Diese Entscheidung rief in Clairvaux große Bestürzung hervor. Bernhard argwöhnte sogar Bestechung in Rom wegen der günstigen Entscheidung. Er war klug genug, es nicht zu einem Prozess kommen zu lassen und schwieg zunächst. Bald aber brach die mühsam zurückgehaltene Entrüstung bei Bernhard durch. In Begleitung Wilhelms, des zukünftigen Abtes von Rieveaulx, verließ er die Abtei, wandte sich dem Walde zu und diktierte in der ungestörten Ruhe trotz strömenden Regens einen Brief an Robert (Ep. 1 in der Briefesammlung). Als der Schreiber das Pergament einstecken wollte, um es vor dem Regen zu schützen, sagte Bernhard zu ihm: „Es ist ein gottesdienstliches Werk, schreibe und sei unbesorgt." Auf diesen Brief erhielt Bernhard keine Antwort. Zur Entlastung Roberts darf man vermuten, dass Abt Pontius von Cluny, der Robert gut überwachen ließ, den Brief abgefangen hat. Erst lange nach der Wahl des neuen Abtes von Cluny (1122), Peters des Ehrwürdigen (Petrus Venerabilis), suchte der endlich bekehrte Flüchtling Robert mit Genehmigung seines Obern Clairvaux wieder auf. Das hat Bernhard mit großer Freude erfüllt. Er hat Robert 1136 zum Abt des Klosters Maison-Dien (Nerlac) in der Diözese Bourges gemacht."15

Politisches Engagement

Die Bilder auf dieser linken Seite bezogen sich alle auf Bernhards Wirken innerhalb des Klosters bzw. innerhalb des Ordens.

Krankheit, vor allem eine chronische Gastritis und körperliche Schwäche zwangen ihn, oft vom klösterlichen Gemeinschaftsleben Abstand zu nehmen. Dadurch hatte er mehr Kontakt zu Weltleuten und dieser Umstand brachte ihn dazu, auch diesen zu predigen.

Später holte man Bernhard auch für allgemeinkirchliche und weltliche Anliegen aus dem Kloster. Er folgte im Gehorsam, denn gegen sein Kloster wollte er eigentlich nichts eintauschen. Selbst auf hohe kirchliche Würden verzichtete er lieber, als das er es verließ. Die angebotenen Bistümer Mailand, Genua, Reims, Langres und Troyes nahm er deshalb auch nicht an. Aber durch diplomatisches Geschick, durch schriftstellerische Gewandtheit und durch seine glänzende Rednergabe, als Ratgeber der Großen, der Bischöfe, Fürsten und Päpste gewann er beherrschenden Einfluss auf sein Zeitalter.

Es sind im wesentlichen drei sehr verschiedene Ereignisse, die ihn herausforderten, innerkirchlich und weltpolitisch Einfluss zu nehmen:

1130das Papstschisma: nach dem Tod von Papst Honorius II. 1130 werden von 2 Parteien 2 verschiedene Päpste gewählt und Bernhard wird gebeten, den rechtmäßigen „auszusuchen".

1140 der Streit wegen der theologischen Lehre Abaelards: Abaelard lehrt in Paris. Er hat einen total anderen Denkansatz als Bernhard. Abaelard ist einer der frühen Scholastiker, Bernhard – wie wir schon gehört haben – ist der monastische Theologe. So wird Abaelard von Bernhard verfolgt bis er auf der Synode von Sens seine Lehre widerruft und seine Bücher verbrennt.

1146 der zweite Kreuzzug : Bernhard wird von Papst Eugen III. gebeten, den 2. Kreuzzug zu predigen. Dieser misslang, was Bernhard schwer belastete.

Bild 1: Das Papstschisma

In dem 1130 ausgebrochenen Papstschisma verschaffte Bernhard Innozenz II. gegen Anaklet II. die Anerkennung; und zwar in Frankreich, Deutschland, England und Spanien.

Die beiden Papstwahlen (Innozenz II.; Anaklet II.) 1130 nach dem Tode Honorius II. waren problematisch. Bei beiden Wahlvorgängen unterliefen verschiedene Fehler. Weder die eine noch die andere Wahl entsprach den festgelegten Regeln. Beide Wahlen wären anfechtbar gewesen.

Bernhard fiel die Entscheidung für Innozenz nicht schwer. Er hat das für ihn als Schiedsrichter einzig Richtige getan: Er machte die moralische Überlegenheit des Papstes Innozenz II., die Priorität der Wahl, das Ansehen seiner Wähler und des ihn weihenden Bischofs geltend und folgerte daraus die Gültigkeit der Wahl.

König Ludwig VI. (König der Franken) bestätigte das weise Urteil und versprach feierlich, Innozenz II. zu unterstützen. Seine Erklärung fand den Beifall der ganzen Versammlung auf dem Konzil von Étampes, und alle schworen dem neuen Papst Gehorsam.

Die Bestätigung von Papst Innozenz als dem rechtmäßigen Papst war Bernhards erstes großes Auftreten vor der damaligen christlichen Welt.16

„1. In jener stürmischen Zeit ging Papst Honorius II. den Weg alles Fleisches (11. Februar 1130). Da keine Zeit zu verlieren war, die Kardinäle in der Papstwahl nicht einig wurden und die Kirche sich spaltete, wählten besser beratene, gutbeleumundete, tugendhafte Männer, die über eine Mehrheit verfügenden Kardinalpriester, -diakone und -bischöfe, Innozenz, dessen Leben, Ruf, Alter und Wissen des höchsten Priestertums für würdig eramtet wurden. Die andere Partei hingegen ernannte, verruchte Gelüste mit Gewalt, nicht durch Vernunftgründe unterstützend, Pierleone, der nach dieser höchsten Würde gierte, und machte ihn unter Wähler und betrügerischen Machenschaften überstürzt, ohne die übrigen trotz deren Einspruch, als Anaklet zum Papste." 17

Zur Beilegung des Schismas wurde seine Hilfe mehrere Male in Anspruch genommen, und zwar:

1130 Konzil von Étampes: Anerkennung von Papst Innozenz; die Hauptdiözesen Frankreichs schwören ihm Gehorsam;

1130Okt bekennen sich der dt. Klerus und König Lothar zu Innozenz II.;

1131im Jan. spricht sich König Heinrich I. in England für Innozenz II aus;

1134schlichtet Bernhard im Kampf um das Schisma den Streit mit Wilhelm, Herzog von Aquitanien;

1135Mai, Synode in Pisa

1135Juni, Aussöhnung mit Mailand

1137Unruhe herrschte weiterhin in Rom und Sizilien;

König Roger in Sizilien war nicht zu bekehren;

1138Ende des Schismas zeichnet sich ab.

Die zwei folgenden Bilder gehören noch in diesen Themenkreis. Wir wollen sie jetzt anschauen:

Bild 3: Die Bekehrung von Herzog Wilhelm von Aquitanien

1134 schlichtet Bernhard im Kampf um das Schisma den Streit mit Herzog Wilhelm von Aquitanien. Den Bericht von der „Bekehrung" Herzog Wilhelms sollten wir ganz lesen, wie er in der Vita des hl. Bernhard wiedergegeben ist, weil er recht schön geschrieben ist:

„32. In jener unruhigen Zeit litt die ganze Kirche von Bordeaux unter dem Drucke der Schismatiker. In Aquitanien gab es keinen Mann, der dem Fürsten, dessen Herz Gott verhärtet hatte, hätte widerstehen können. Mit Zustimmung des Bischofs Gerhard von Angoulême, der ihm die Keime der Zwietracht ins Herz gelegt hatte, wurde er (1135) zum Vater und Schutzherrn des Schismas. Wer immer die Anerkennung Pierleones nicht unterschrieb, der war Verfolgungen ausgesetzt. Er wurde entweder mit Geldstrafen belegt oder in die Acht erklärt, oder von seinem Wohnsitz vertrieben und zur Auswanderung gezwungen. <.....>

Vor allem wurde Bischof Wilhelm von Poitiers, ein ehrenhafter, durch und durch katholischer Mann und treuer Anhänger und Verteidiger der allgemeinen Kirche, gewaltsam aus seiner Stadt vertrieben und von Kardinal Gerhard und seinem Helfer wegen Nichtanerkennung Pierleones verurteilt. <.....>

34. Als dies und derlei dem ehrwürdigen Bischof Gaufrid von Chartres, dem Papst Innozenz die Legation für Aquitanien anvertraut hatte, zu Ohren kam, war er davon sehr schmerzlich berührt und beschloss, unter Vernachlässigung aller anderen Geschäfte, ohne jeden Aufschub der gefährdeten Kirche zu helfen. Er bat und beschwor daher den Abt von Clairvaux, er möge ihn in der Beseitigung dieser bösen Zustände unterstützen. Der Gottesmann sagte zu, <.....>

Sobald Gerhards Machenschaften gegen die Kirche Gottes ruchbar geworden waren, entsandte der noch in Gallien weilende Papst Innozenz unseren Abt von Clairvaux und den ehrwürdigen Bischof Joscelin von Soissons nach Aquitanien. So kamen sie denn nach Poitiers, um mit dem Kardinal und dem Landesherrn zusammenzutreffen. <.....>

37. Inzwischen wurde dem Grafen durch angesehene Männer, die freieren Zutritt bei ihm hatten, gemeldet, der Abt von Clairvaux, der Bischof von Chartres sowie andere Bischöfe und Ordensmänner wünschten eine Unterredung mit ihm. Eines ihrer Anliegen sei dies: mit ihm über den kirchlichen Frieden und über die Behebung des Unheils zu verhandeln. Dem Grafen schien es durchaus geraten, einem Gespräch mit so bedeutenden Männern nicht aus dem Wege zu gehen; denn es konnte ja sein, dass etwas, was unmöglich schien, durch eine unverhofft glückliche Wendung möglich würde. So kamen denn beide Seiten in Parthenay zusammen. Die Diener Gottes stellten dem Grafen mit vielen Begründungen und Darlegungen in erster Linie vor Augen, was es um eine Trennung der Kirche sei und wie hartnäckig die Spaltung sich erhalte, <.....>

Der Graf hörte sich dies an, zeigte sich wenigstens teilweise klugem Rate zugänglich und erklärte sich schließlich bereit, sich unter den Gehorsam des Papstes Innozenz stellen zu wollen; doch könne er sich unter keinen Umständen zu einer Wiedereinsetzung der Bischöfe verstehen, die er von ihren Sitzen vertrieben hatte, weil sie ihn unversöhnlich beleidigt hätten und er geschworen habe, sie nie mehr in Frieden aufzunehmen. Lange zog sich die Unterredung mit den päpstlichen Unterhändlern hin. Und während sie im gegenseitigen Wortgefechte einander in Atem hielten, griff der Gottesmann zu stärkeren Waffen: Er trat an den Altar, um das heilige Messopfer darzubringen und um Hilfe zu bitten. Wer den göttlichen Geheimnissen beiwohnen durfte, ging in die Kirche hinein; der Graf harrte draußen vor den Toren.

38. Die Wandlung war vorüber, der Friedenskuss gegeben und ans Volk weitergegeben. Da legte der Gottesmann, der sich nicht mehr als bloßen Menschen zeigte, den Leib des Herrn auf die Patene und schritt damit feurigen Antlitzes und flammenden Auges, nicht bittend, sondern drohend nach außen und fuhr den Grafen mit den schrecklichen Worten an: „Wir haben dich gebeten, du hast uns verachtet. Es hat dich bei einer anderen Zusammenkunft, die wir bereits früher mit dir hatten, eine vor dir versammelte, unter sich geeinte Zahl von Dienern angefleht, du hast sie missachtet. Siehe, nun kommt zu dir der Sohn der Jungfrau, der Haupt und Herr der Kirche ist, die du verfolgst. Hier ist dein Richter, dem deine Seele einmal in die Hände fallen wird. Wirst du wohl auch ihn verschmähen? Wirst du auch ihn wie seine Diener mit Verachtung strafen?" Alle, die dabeistanden, weinten, beteten und warteten, wie die Sache wohl ausgehen würde; in höchster Spannung erwarteten alle, ich weiß nicht was für ein Zeichen vom Himmel. Wie der Graf den Abt, einem gewaltigen Sturmwind gleich, mit dem allerheiligsten Leib des Herrn in den Händen auf sich zuschreiten sah, erschrak er, erbleichte, zitterte vor Angst an allen Gliedern, die ihm ihre Dienste versagten, und sank wie ein Geistesgestörter vornüber zu Boden. Von Rittern aufgerichtet, stürzte er abermals auf das Angesicht, sprach zu keinem ein Wort, achtete auch auf niemand; über den Bart ergoss sich ihm der Speichel; den er mit tiefen Seufzern ausblies: er bot das Bild eines Epileptikers. Nun trat der Gottesmann näher an ihn heran, stieß den sich Aufstützenden mit dem Fuße und hieß ihn, sich zu erheben, sich auf die Beine zu stellen und Gottes Spruch entgegenzunehmen: „Hier ist der Bischof von Poitiers, den du von seiner Kathedralkirche vertrieben hast. Geh hin und versöhne dich mit ihm! Mit heiligem Friedenskusse besiegle deinen Treuevertrag mit ihm und führe ihn persönlich zurück an seinen Bischofssitz! Leiste Gott Sühne und gib ihm Ehre für Schmach und führe in deinem gesamten Herrschaftsgebiet die Getrennten und Entzweiten zu Liebe und Eintracht zurück! Unterwirf dich dem Papste Innozenz, und wie die ganze Kirche ihm gehorcht, so gehorche auch du diesem von Gott erwählten Hohenpriester!" Der Graf hörte zu, stand, besiegt von der Macht des Heiligen Geistes und von der Gegenwart des sakramentalen Gottes, und wagte kein Wort, noch vermochte er ein Wort zu erwidern. Doch schritt er gleich auf den Bischof zu und nahm ihn mit Friedenskuss auf; und mit der gleichen Hand, womit er ihm abgeschworen hatte, führte er ihn zur Freude der ganzen Stadt zu seinem Bischofssitz zurück. Der Abt aber, der nun bereits freundlicher und liebenswürdiger mit dem Grafen sprach, ermahnte ihn, sich nie mehr zu so gottlosen, verwegenen Streichen herzugeben, Gottes Geduld nicht mehr durch so schändliche Taten zu reizen und den geschlossenen Frieden in keinem Stücke mehr zu verletzen.

39. So war denn der gesamten Kirche von Aquitanien der Frieden zurückgegeben. Nur Gerhard verharrte im Bösen."18

Bild 2: König Roger von Sizilien

Nachdem Frankreich, Deutschland und England Innozenz II. als den rechtmäßigen Papst anerkannten, versuchte Bernhard 1137 auch König Roger in Sizilien für diesen Papst zu gewinnen. Er konnte ihn nicht bekehren, trotz seiner Wortgewalt und trotz seines diplomatischen Geschicks. König Roger hatte seine Krone von Anaklet II. verliehen bekommen und wollte aus diesem Grund ihm nicht abschwören. Auf dem Behang ist dies hier unten rechts zu sehen.

„Nach seinen Verhandlungen mit König Roger, bei denen auch Petrus von Pisa anwesend war, kehrte Bernhard nach Rom zurück, „führte Petrus von Pisa und andere zur Kirche zurück und machte sie Papst Innozenz zu Verbündeten." (Paffrath 124) „Demgegenüber blieb König Roger zurückhaltend: „So viele einander widersprechende Beweise lassen meinen Geist in der Unruhe und im Zweifel, und es ist mir unmöglich, allein eine so wichtige Sache zu erledigen. Ich muss meine kirchlichen und weltlichen Räte befragen, auf deren Rat hin ich mich der Partei Anaklets angeschlossen habe. Mögen unsere Herren Kardinäle mir ihre Gründe schriftlich auseinandersetzen; und zwei von ihnen mögen mir nach Sizilien folgen, wo wir diese langen Erörterungen während der Weihnachtsfeste zum Abschluss bringen werden."

Roger suchte mit dieser Erklärung Ausflucht, denn die in Aussicht gestellte Versammlung zu Palermo verlief ergebnislos. König Roger weigerte sich, den Gegenpapst Anaklet, dem er seine Krone verdankte, zu verleugnen. Möglicherweise fühlte er sich durch Papst Innozenz II. in seiner Haltung bestärkt, weil Innozenz seine Königswürde noch nicht anerkannt hatte."19

„So kehrte der Abt, dem die Gunst allen Volkes gehörte, während der König allein in seiner Bosheit verharrte, nach Rom zurück, versöhnte den genannten Petrus von Pisa neben anderen mit der Kirche und machte sie Papst Innozenz zu Verbündeten."20

Das Ende des Papstschismas mit Gegenpapst Viktor IV.

„Unerwartet starb nach der Versammlung zu Palermo am Januar 1138 der Gegenpapst Anaklet II. Die Brüder Pierleones und die Kardinäle, die aktiv an der Kirchenspaltung beteiligt waren, ließen sich durch Stolz oder Furcht bestimmen, im März 1138 einen neuen Gegenpapst unter dem Namen Victor IV. zu wählen. Aus der Ferne wurden sie von König Roger von Sizilien dazu ermutigt. Bald aber erschien ihnen ihre Lage unerträglich.

Gewonnen durch die Beredsamkeit des hl. Bernhard schworen sie ihrem Irrtum ab. Der neugewählte Gegenpapst Victor IV. sah sich jeder Stütze beraubt. Ihm blieb nichts anderes übrig, als während einer Nacht zum Abte von Clairvaux zu fliehen, wo er die päpstlichen Würdezeichen ablegte. Bernhard führte daraufhin den Reumütigen zum Oberhaupt der Kirche und am 29. Mai 1138, am Tage der Oktav des heiligen Pfingstfestes, kamen alle, Victor IV. an ihrer Spitze, in die Peterskirche, um dort vor den Füßen Innozenz II. niederzuknien und ihm als ihrem Lehnsherrn Treue zu schwören.

Damit war der Friede gesichert und der Gottesmann kehrte mit Erlaubnis des Papstes wieder ins Kloster Clairvaux zurück."21

„Der Abt von Clairvaux aber genoss ungeheure Achtung und Verehrung, alles pries ihn als den Bringer des Friedens und Vater des Vaterlandes. Wo er sich auf der Straße auch zeigte, gaben ihm vornehme Herren das Geleite, rief das Volk ihm zu, folgten ihm die Matronen, alles gehorchte ihm willigen Herzens."22

Zu diesem Kapitel der Geschichte gibt es auf dem Behang leider kein Bild.

Bild 4: Die Versöhnung mit Abaelard

Wenden wir uns jetzt einem ganz anderen Kapitel der Geschichte zu. Schon damals, vor 900 Jahren, wurde auch unter den Theologen gestritten, nicht erst heute. Bernhard begegnete verschiedenen von der römischen Kirche abweichenden Lehren. Sie wurden vor allem von dem Philosophieprofessor Petrus Abaelard (1079-1142) und dessen Schüler Arnold von Brescia (Ende 11. Jh.-1155) vertreten, sowie von den antikirchlichen Sektierern Gilbert de la Porree (ca. 1074–1154) und Heinrich von Lausanne (2.H. 11.Jh.-1145)

„Kaum ein Abschnitt in Bernhards Leben ist in der wissenschaftlichen Forschung so umstritten wie die theologische Auseinandersetzung Bernhards mit Petrus Abaelard und Gilbert de la Porree, über die Matthäus Bernards auf dem internationalen Bernhardskongreß 1953 in Mainz berichtete. Seine Schlussworte geben wohl das Richtige wieder: „<...> Sicher haben frühere Zeiten Abaelard und Gilbert falsch beurteilt; eine gerechtere Würdigung braucht aber keineswegs ihren Gegner schuldig zu sprechen. Wenn schon Gerechtigkeit, dann auch für alle: für Abaelard, für Gilbert, aber ebenso für Bernhard."23

Bei dem theologischen Streit zwischen Bernhard und Abaelard ging es eigentlich um zwei grundsätzlich verschiedene Denkansätze, die sich heute in zwei verschiedenen theologischen Richtungen wiederfinden: in der monastischen und der scholastischen Theologie. Keine ist falsch, aber sie verfolgen grundsätzlich verschiedene Ziele und wenden unterschiedliche Methoden an. Für Bernhard steht die persönliche, individuelle Glaubenserfahrung im Vordergrund. Es geht ihm um die Betrachtung und Schau der Geheimnisse der Heilsgeschichte, um die Freude an ihnen und schließlich um die Vereinigung mit Gott selbst. Hier spricht man heute von der monastischen Theologie. Wir haben vorhin schon davon gehört.

Das Spezifische dieser Theologie ist nicht das diskursive und argumentative Denken, sie beschäftigt sich nicht mit dem forschenden und denkenden Durchdringen der Hl. Schrift oder einer Glaubenswahrheit – das ist Sache der scholastischen Theologie. Abaelard zählt zu den Vorläufern der scholastischen Richtung.

Dass bei so unterschiedlichen Richtungen und Denkansätzen Konflikte vorprogrammiert sind, liegt auf der Hand. Bernhard verfolgte Abaelard so weit, bis dieser 1140 auf der Synode von Sens seine Lehre widerrief und seine Bücher verbrennen musste.

Was mir gefallen hat, ist nicht so sehr, dass die beiden gestritten haben; sondern, dass sie sich wieder – von Mensch zu Mensch – versöhnt haben, dass sie den Friedenskuss ausgetauscht haben, trotz aller Differenzen. Sie taten dies in der Abtei Cluny unter den Augen des Abtes Petrus Venerabilis, 1140. Diese Versöhnung ist hier auf dem Behang dargestellt.

Bild 5: Die Predigt zum 2. Kreuzzug

Das dritte große Ereignisse, das Bernhard herausforderte, innerkirchlich und weltpolitisch Einfluss zu nehmen, ist der zweite Kreuzzug. Dieses Bild hier zeigt Bernhard bei seiner Predigt zum 2. Kreuzzug, die er 1146 in Vézélay gehalten hat.

Allgemeine Informationen: der 2. Kreuzzug

Vielleicht zuerst einige allgemeine Informationen zu den Kreuzzügen:

„Aus dem Heiligen Land, das man 1096 - 1099 im ersten Kreuzzug den Heiden entrissen hatte, waren beängstigende Nachrichten in das Abendland gedrungen. Ein erbitterter Feind war dem Christentum in dem Atabeken Imad ed-din Zenki erwachsen, der mit den hervorragendsten organisatorischen und kriegerischen Fähigkeiten ausgestattet, die Vereinigung der moslemischen Welt unter seinem Zepter zu erreichen drohte und dadurch eine Gefahr für den Bestand der Kreuzfahrerstaaten wurde. Nach der Belagerung von einem Monat war es ihm am 23. Dez. 1144 gelungen, Edessa (das heutige Urfa), den festesten nördlichen Stützpunkt der Christen, dessen starke Mauern die jungen Staaten gegen die stets drohenden nördlichen Einfälle zu sichern hatten, im Sturme zu nehmen und somit einen Erfolg zu erringen, der ihm die mühsam gewonnenen christlichen Gebiete in Syrien beinahe schutzlos zu Füßen legte. Furchtbar war das Schicksal der besiegten Stadt. Tausende ihrer Bewohner wurden hingerichtet, darunter der Erzbischof Hugo mit seinen Klerikern. <....>

Gerade wie der Papst des ersten Kreuzzuges (1096 - 1099) den eigentlichen Anstoß zum Entfachen dieser großen Bewegung durch den Einfall der seldschukischen Türken in Palästina erfuhr, so war auch die ursprüngliche Triebkraft zum Zustandekommen in der zweiten großen Orientunternehmung des Abendlandes der Fall Edessas und die bedrohte Lage, in welche Kreuzfahrerstaaten dadurch geraten waren. Ohne diese Ereignisse in Syrien wäre der zweite Kreuzzug nie zustande gekommen.

Am 1. Dez. 1145 wandte sich Papst Eugen III. an König Ludwig VII. und die Großen von Frankreich mit einer Kreuzzugsbulle, nachdem er durch die eindringliche Mahnung des Bischofs Hugo von Cabala dazu bewogen worden war. In dieser Bulle wurden die Beweggründe des Kreuzzuges auseinandergeschrieben.

Da König Ludwig VII. die Bischöfe und Barone seines Königreiches zur Feier seiner Krönung auf das Weihnachtsfest 1145 nach Bourges zusammenberufen hatte, gab er ihnen dort überraschend seinen Entschluss kund, das Kreuz zu nehmen, und lud sie ein, seinem Beispiel zu folgen. Der Bischof von Langres allein trat auf seine Seite, und trotz der hinreißenden Rede, die der König hielt, konnte er von seinen Zuhörern nur unfruchtbare Tränen erlangen. Suger von St. Denis widersetzte sich förmlich dem heiligen Krieg; wenigstens bat er den König, sich nicht ohne reife Überlegung in ein so schwieriges Unternehmen zu stürzen. Daraufhin wurde beschlossen, dass die Frage in einer andern, zum Osterfeste 1146 nach Vézélay in Burgund berufenen allgemeinen Versammlung zum Austrage kommen solle.

Um nicht unter der Schmach einer Niederlage zu bleiben, wie sie sich auf der Versammlung von Bourges abzuzeichnen schien, wandte sich König Ludwig an den Abt von Clairvaux. Er bat ihn um seine Zustimmung, auf die Beschlüsse der angesetzten Versammlung zu Vézélay einen Druck auszuüben. Aber erschreckt durch die Verantwortlichkeit, welche ein Wort von seinen Lippen ihm aufgebürdet hätte, begnügte sich der demütige Mönch damit, den König von Frankreich aufzufordern, dass er den Rat des Oberhauptes der Kirche einhole, und verweigerte es entschieden, den Kreuzzug zu predigen oder auch nur anzuraten, solange der Papst seinen Willen nicht zu erkennen gegeben habe.

Papst Eugen III. beeilte sich nun, die Wünsche des König Ludwig vollauf zu erfüllen. <...> Er beauftragte den Abt von Clairvaux, ihn in dieser Wirksamkeit zu ersetzen und um ihm die Wege zu bereiten, forderte er durch seine neue Bulle alle Gläubigen auf, die Waffen zur Befreiung von Edessa und zur Verteidigung des Grabes Christi zu ergreifen.

Bernhards Predigt zum 2. Kreuzzug

Als am festgesetzten Tage, dem 31. März 1146, die Versammlung von Vézélay eröffnet wurde, erschien Bernhard mitten unter den Prälaten, den Rittern jedes Ranges und dem gewöhnlichen Volke, das herbeigeeilt war, um ihn zu hören. Die Kirche und die öffentlichen Plätze waren nicht geräumig genug, um die zahllose Menge zu fassen. Man musste unter freiem Himmel am Abhange eines Hügels zwischen Vézélay und Asquin ein großes Holzgerüst als Rednerbühne aufstellen, von der herab der Kreuzzugsprediger eine Ansprache an das Volk halten könnte. Die von König Ludwig VII. so lange ersehnte Stunde war endlich gekommen. Der König durchschritt mit dem hl. Bernhard die Reihen der Anwesenden, und erschien neben ihm auf der Rednertribüne; seine Brust war schon mit einem kostbaren Kreuze, das der Papst ihm zugesandt hatte, geschmückt.

Der Abt von Clairvaux verlas zuerst vor der Versammlung die Bulle Papst Eugens III., welche die Beweggründe des Kreuzzuges auseinandersetzt <...> Die Lesung dieses Briefes war nur die Einleitung. Der hl Bernhard ließ dann den Gefühlen seines Herzens und seines Glaubens freien Lauf. Die Versammlung hörte mit Entzücken diese Stimme, welche die eines Engels zu sein schien.

Die Rede Bernhards von Clairvaux wurde von der Versammlung und der frommen Ungeduld der Menge häufig unterbrochen: „Kreuze, Kreuze, gib uns Kreuze." Und man stürzte sich auf ihn, um aus seinen Händen das heilige Zeichen zu empfangen. Der heilige Abt war gleichsam seinen Zuhörern preisgegeben. Er streute die Kreuze mehr aus, als er sie verteilte. Und als diejenigen Kreuze, welche man im voraus fertiggemacht hatte, erschöpft waren, musste er seine Kleider zerreißen, um neue daraus zu machen, welche er bis zum Ende des Tag auszustreuen fortfuhr. Die Wunder, welche nach dem Zeugnis von Zeitgenossen diese unvergleichliche Szene begleiteten oder ihr folgten, steigerten noch die allgemeine Begeisterung.

Nach seiner Rede, die auf Grund der hervorgebrachten Wirkung zu der größten rednerischen Leistung in Bernhards Leben zählt, verließ der Abt Vézélay, um in den benachbarten Städten und Provinzen neue Legionen für den Kreuzzug zu gewinnen. Bernhard dehnte den Kreis seiner Predigten immer mehr aus. Von Toul kommend, traf Bernhard in Begleitung mehrerer Ordensmänner und Notare in Deutschland ein, um im Rheinland, der Schweiz und Belgien das Kreuz zu predigen."24

Zusammenfassung zum 2. Kreuzzug

Dieser kurze Bericht über den Beginn des 2. Kreuzzuges (1147 - 1149) gibt einen ganz guten Einblick in die Kreuzzugsidee um die Mitte des 12. Jahrhunderts. Allerdings ist der 2. Kreuzzug immer noch umstritten; er ist aber auch nicht immer sachlich betrachtet worden. <.....>

Es kann hier kein Urteil über die Niederlage der Kreuzritter und ihre Ursache gefällt werden, nur soviel sei gesagt, dass die Schuld an der Niederlage nicht allein in der Disziplinlosigkeit der Kreuzfahrer zu suchen ist, wie Bernhard von Clairvaux sich einmal äußerte.

Mit der Gefahr der Erstürmung des Hl. Grabes in Jerusalem durch die Nichtchristen sah sich die gesamte christliche Kirche des Abendlandes ihres Glaubenssymbols beraubt. Denn der christliche Altar, auf dem das eucharistische Opfer des Neuen Bundes dargebracht wurde, galt als Sinnbild Christi, des Kreuzes und vor allem des Grabes Christi.

Aus diesem Grunde forderte der Papst die Christenheit auf, die Waffen zur Verteidigung des Grabes Christi zu ergreifen. Dies sollten wir im Hinterkopf haben bei der Kreuzzugspredigt Bernhards, der dazu aufrief, „das Hl. Grab in Jerusalem den Heiden zu entreißen"."25

Von Bernhards Biographen wird die Angelegenheit so gesehen:

„9. Es soll nicht verschwiegen werden, dass der traurige Ausgang des Zuges nach Jerusalem, den Bernhard (1146/47) gepredigt hatte, manche Leute schwer gegen ihn verbitterte, sei es, dass sie aus Dummheit, sei es, dass sie aus Bosheit daran Ärgernis nahmen. Indes verdankte diese Angelegenheit - das können wir behaupten - ihren Ursprung nicht ihm. Denn als das Gerücht von der Notwendigkeit (eines Kreuzzuges) bereits viele Gemüter überzeugend erregt hatte und nachdem der König der Franken ihn deshalb einmal und zweimal aufgefordert, nachdem selbst päpstliche Briefe ihn ermahnt hatten, konnte er es auch dann noch nicht über sich gewinnen, davon zu sprechen oder einen Rat zu erteilen, bis schließlich ein päpstliches Rundschreiben ihm befahl, als Mund der römischen Kirche den Völkern und Fürsten auseinander zusetzen, worum es gehe. Der Inhalt des Schreibens aber war kurz dieser: Man möge sich zu Buße und Sündennachlass am Zuge beteiligen, um entweder die Brüder zu befreien oder das Leben für sie hinzugeben. Dieses und ähnliches hätten die Leute darüber sagen können, wenn sie bei der Wahrheit geblieben wären. Doch sprechen wir lieber davon, wie alles kam.

Es ist nicht zu bestreiten, Bernhard predigte den Kreuzzug. „Und der Herr wirkte mit und bekräftigte das Wort durch begleitende Wunder" (Mk 16,20).

10. Und dennoch vermochte jener Kreuzzug die morgenländische Kirche nicht zu befreien. Wenn es aber Gott gefiel, durch eine solche Gelegenheit, wenn nicht sehr viele Morgenländerleiber von den Heiden, doch sehr viele Abendländerseelen von ihren Sünden zu befreien, wer wagte es dann, ihn zur Rede zu stellen: „Warum hast du so getan?" Oder welcher Mensch, der rechten Sinnes ist, bedauerte nicht eher den (seelischen) Tod jener, die zu ihren früheren oder noch schlimmeren Lastern zurückgekehrt sind, als den (leiblichen) Tod der anderen, die ihre Seelen in vielerlei Drangsal und Bußverdiensten geläutert Christus zurückgegeben haben? Und mögen - wie die Ägypter - die Söhne der Finsternis, die die Wahrheit weder zu erkennen noch auszusprechen vermögen, auch erklären: „Er hat sie mit List hinausgeführt, um sie in der Wüste umkommen zu lassen" (Ex 32,12), so trägt dennoch Christus, der Heiland, geduldig die Schmach, die er durch das Heil so vieler Seelen ausgleicht. An dieses Wort erinnert der ehrwürdige Vater selbst, wo er unter anderem sagt: „Wenn eines von beidem geschehen muss, so will ich lieber, die Menschen knurren gegen mich als gegen Gott. Wohl mir, wenn er sich würdigt, mich als Schild zu benützen! Gern fange ich die Flüche der Verleumder und die Giftpfeile der Lästerer auf, dass sie ihn nicht treffen. Ich weigere mich nicht, für ehrlos zu gelten, wenn nur Gottes Ehre unangetastet bleibt." So schreibt er im zweiten Buche seines Werkes „Selbstbesinnung."26

Bernhard litt schwer an die Niederlage des 2. Kreuzzuges, zu dem er mit solch einem Eifer und so viel Vehemenz aufgerufen hatte.

Er starb auch schon drei Jahre später 1153.

Bild 6: Der hl. Bernhard und wir heute: unser Anliegen

Von Bernhards Tod gibt es hier auf dem Behang kein Bild, denn ich meine und bin überzeugt, dass Bernhards Geist, dass seine Spiritualität auch heute noch weiterleben, zumindest im Zisterzienserorden. Dieses Bild hier oben soll darauf hinweisen.

Ich weiß nicht, ob von Ihnen schon jemand bei uns im Kloster in Thyrnau war und ob sie sich das Gebäude gut angeschaut haben. Dann jedenfalls könnten sie diesen Turm mit dem Stern wiedererkennen. Es ist der Turm vom ehemaligen Jagdschloss und der heutigen Abtei St. Josef.

Dieser Turm nun soll Symbol dafür sein, die wir als Zisterzienserinnen heute leben und von den gleichen Idealen getragen sind, wie der hl. Bernhard. Seine Spiritualität hat den Orden geprägt und wir hoffen, dass wir die Grundanliegen dieser Spiritualität heute noch leben.

Wie wir schon gehört haben, war das Anliegen der ersten Mönche von Cîteaux die radikale Gottsuche in einem zurückgezogenen Leben des Gebetes und der Arbeit in Treue zur Regel des hl. Benedikt. Dies ist unser Anliegen geblieben und nichts anderes wollen auch wir leben:

Im Gebet stehen wir vor Gott, schenken ihm unsere Zeit als Antwort auf seine Liebe. Wir stehen vor ihm mit aller Not der Welt, der Kirche, allen Sorgen der Menschen – aus diesen Nöten heraus singen wir Gottes Lobpreis.

Zweiter Pfeiler unseres Lebens ist die Arbeit, die für uns mehr ist als Verdienen des Lebensunterhaltes. Durch sie nimmt ja der Mensch teil am Schöpfungswerk Gottes, findet er zu sich selbst und vollendet sich. So gibt er auch Antwort auf Gottes Liebe, die er empfangen hat.

Wenden wir uns jetzt dem mittleren Bild des Behanges zu und damit auch ein wenig intensiver der Spiritualität des hl. Bernhard.

III. Die Monastische Theologie des Bernhard von Clairvaux

Das mittlere Bild des Behanges zeigt uns eine Amplexusdarstellung, das heißt eine Darstellung, auf der sich der Gekreuzigte vom Kreuz herabneigt, um den Heiligen zu umarmen, der unter dem Kreuz kniet oder steht.

Diese Art der Darstellung mit dem heiligen Bernhard ist nicht die einzige ihrer Art, sondern nur ein Fall in einer umfangreichen Reihe gleicher oder ähnlicher Visionen, die alle Amplexus genannt werden.

Unter dem Kreuz findet man Heilige, wie z.B. die hl. Theresa von Avila, die hl. Lutgard, die hl. Hedwig, den hl. Franziskus u.a.

Die Beobachtung des Herrn Menardus

Die Darstellung mit dem hl. Bernhard allerdings geht auf eine Beobachtung des Herrn Meinrad oder Menardus zurück, die im Exordium Magnum Cisterciense, einer Sammlung frühester Zisterziensertexte, mitgeteilt wird. Dort heißt es in Buch II, Kapitel 7 unter der Überschrift:

Von einem geisterfüllten Mönch, der sah,

wie der ins Gebet versunkene heilige Vater ein Kreuzesbild umfing.

„Menardus, ehemals Abt von Mores, einem Clairvaux benachbarten Kloster, ein frommer Mann, berichtete seinen Angehörigen folgende wundersame Geschichte, die ein anderer erlebt hätte. Wir aber glauben, dass sie ihm selbst widerfahren ist:

„Ich kenne einen Mönch, der den heiligen Abt Bernhard einst antraf, wie er in der Kirche allein betete. Als dieser vor dem Altar hingestreckt lag, sah er über ihm über dem Boden ein Kreuz mit dem Gekreuzigten, das der selige Mann in höchster Andacht anbetete und mit Küssen bedeckte. Dann schien ihm, dass die Majestät selber die Arme von den Enden des Kreuzes löste, den Diener Gottes umfasste und an sich zog. Während der Mönch dieses eine Weile beobachtete, war er vor übergroßem Erstaunen regungslos und geriet gleichsam außer sich. Zuletzt aber fürchtete er, den Vater zu beleidigen, wenn der ihn so gleichsam als Erforscher seiner Geheimnisse und so ganz nahe bei sich sehe. Deshalb ging er still weg, denn er erkannte und wusste von jenem heiligen Menschen, dass sein ganzes Gebet und sein Wandel wahrlich übermenschlich waren."27

Zu diesem Text gibt es in der neuesten lat.-dt. Ausgabe des Erxordium Magnum eine Fußnote (234), in der es zur Bewertung des geschilderten Vorganges heißt:

„Das Bild, wie Bernhard vom Kreuz her von Jesus umfangen wird, steht in der Mitte der zisterziensischen Spiritualität. Nach der Beschreibung des Exordium Magnum ist Jesus ein leibhaftiges Wesen, das sich von seinem Platz aus herunterneigt und den Geliebten in seine Arme schließt. Bernhard erwidert die Umarmung, und irgendwie bekommt ein anderer Mönch seiner Klostergemeinde diese Erfahrung mit, der dann gelegentlich andere Mönche an seiner Vision teilhaben lässt. Bernhard und Jesus sind hier nicht allein: ihre Freude miteinander wird zu einer gemeinschaftlichen Erfahrung affektiver Zuneigung."28

Auf vielen Bildern wird auch tatsächlich der neugierige Mönch mit dargestellt.

Zentrum oder Mitte zisterziensischer Spiritualität ist die liebevolle Umarmung von Gekreuzigtem und Mönch, bzw. Nonne.

Noch einen anderen Aspekt dieser Darstellung bringt Assumpta Schenkl, die frühere Äbtissin von Seligenthal und jetzige Priorin von Helfta, ins Gespräch. Sie macht darauf aufmerksam, dass dieses Motiv sehr schön den Wandel der Beziehung zwischen Gott und Mensch im bernhardinischen Zeitalter zeige. Sie beschreibt diesen Wandel so:

„Wir alle kennen Christus-Darstellungen aus der Spätantike und dem Frühmittelalter. Sie zeigen einen hoheitsvollen, oft gekrönten Herrn, der keine Spuren des Leidens an sich trägt, eine ruhige, herrscherliche Gestalt, einen Gottkönig und Allherrscher, der oft sehr streng und fern aus den Apsiden der Kirchen auf uns herabblickt. Wie ganz anders die Christus-Darstellungen der bernhardinischen und nach bernhardinischen Zeit! Jene Bilder zum Beispiel, die die Christus-Vision des hl. Bernhard zum Gegenstand haben: Da ist ein von seiner Liebe verwundeter Gott, der in übergroßer Sehnsucht nach dem Menschen seine Hände vom Kreuz gelöst hat, sich niederneigt, seine Arme verlangend nach dem Menschen ausstreckt und ihn auf manchen Darstellungen innig umschlingt."29

Dass zwischen diesem Gott und diesem Menschen allein die Liebe waltet, das wird auf unterschiedliche Weise in allen Amplexus Darstellungen deutlich, von den ältesten Beispielen, wie der Miniatur im Zisterzienser-Graduale aus Wonnenthal i. Brsg (1.H. 14. Jh.), über die Grisaille - Glasmalerei von Wettingen im Aargau (1434/35) bis hin zu den modernen Darstellungen, wie hier auf dem Wandbehang.

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Der Amplexus auf dem Behang

Auf diesem Behang hier ist die Darstellung auf das Wesentliche reduziert. Christus hat die Arme vom Kreuz gelöst und streckt sie Bernhard entgegen, der unter dem Kreuz kniet. Beide sehnen sich danach, sich zu umarmen. Ein Moment intensiver Sehnsucht ist hier dargestellt.. Christus neigt sich hernieder, Bernhard streckt sich nach oben. Diese Sehnsucht gibt es aber wohl nur, weil es auch eine intensive Liebesbeziehung zwischen Bernhard und dem gekreuzigten Christus gibt.

Der rote Kreis im Hintergrund, in dem sich diese Handlung abspielt, will dies verdeutlichen: Rot ist Symbol der Liebe und der Kreis Symbol der Unendlichkeit, der Vollkommenheit.

„Wer liebt, liebt die Liebe." sagt Bernhard in seiner Ansprache über die Barmherzigkeit, „Nun bildet die Liebe einen so vollkommenen Kreis, dass die Liebe kein Ende nimmt."30

Aber jede Liebe bleibt nicht zwischen den Liebenden eingeschlossen. Sie weitet die Kreise, bricht sie auf, zieht weitere Kreise. Sie wird empfangen und will weitergegeben werden. Sie strahlt aus auf die Gemeinschaft. So hat es wohl auch der neugierige Mönch Menardus empfunden:

Auf diesem Behang wird dies durch die drei Kreise deutlich gemacht:

durch den roten Kreis,

den naturfarbenen Kreis und

den grünen Halbkreis.

Innen, innerhalb des roten Kreises spielt sich die eigentliche Begegnung Bernhards mit dem Gekreuzigten ab. Der Kreis, der beide umschließt, ist aber in sich nicht geschlossen, sondern bricht auf, durchwirkt den zweiten Kreis, der noch weniger in sich geschlossen ist. Er wiederum überschneidet sich zum Teil mit dem dritten Kreis.

Hier im zweiten Kreis ereignet sich eigentlich nichts. Er grenzt nur den innersten Bereich des Menschen, den der Begegnung zwischen Gott und Mensch, vom äußeren Bereich der Aktivität, dargestellt durch den dritten, den grünen Kreis, ab.

In diesem äußeren Kreis, dem grünen Halbkreis, spielen sich die Begegnungen Bernhards mit den Menschen ab. Hier gibt er die empfangene Liebe weiter und kündet so von Christus.

Zur Theologie Bernhards

Im folgenden möchte ich noch einmal ein wenig auf die Theologie des hl. Bernhard zu sprechen kommen,31 die, wie Sie sicher schon gespürt haben, hier in dieser Amplexus-Darstellung ihren Niederschlag gefunden hat.

Heute Vormittag haben wir schon erwähnt, dass die Theologie Bernhards als „Monastische Theologie" bezeichnet wird. Das Spezifische dieser Theologie ist die persönliche, individuelle Glaubenserfahrung der Mönche, die zur Sprache gebracht wird. Bernhard ist ein Meister darin, seine Gotteserfahrung mit Worten der Hl. Schrift zu beschreiben.

Was diese Theologie beschäftigt, ist die Betrachtung und Schau der Geheimnisse der Heilsgeschichte, die Freude an ihnen und schließlich die Vereinigung mit Gott selbst. Die Geheimnisse sind zu verehren und anzubeten, nicht zu durchforschen.

Ihre Methode ist, wie schon gesagt, nicht das diskursive und argumentative Denken, ist nicht das forschende Durchdringen der Hl. Schrift, nicht so sehr die quaestio oder disputatio, sondern die lectio, meditatio, oratio und contemplatio. Es geht nicht um das scire – Wissen, sondern um das gustare – Schmecken und Verkosten.

Bei Bernhard haben sich vier Schwerpunkte herauskristallisiert, die seine Theologie kennzeichnen:

1. das Wort Gottes – die Hl. Schrift

2. die Jesus-Mystik

3. die Kreuzes- oder Leidensmystik

4. die Marienminne

1. die Heilige Schrift – das Wort Gottes.

Beginnen wir mit der Hl. Schrift, d.h. mit der Bedeutung, die die Hl. Schrift für den hl. Bernhard hatte.

Die hl. Schrift ist für Bernhard gleichsam das ‚tägliche Brot'. Sie begleitet ihn durch den ganzen Tag. Er hört und feiert sie in der Liturgie, liest und meditiert sie zur Zeit der Lesung und lebt so mit ihr, aus ihr und in ihr. Bernhard kannte z.B. den größten Teil der Hl. Schrift auswendig und benutzte sie wie seine Muttersprache. Darum erweisen sich seine Texte oft als ein Mosaik aus Schriftworten, die er geschickt zusammenstellt und gegenseitig beleuchtet. Es ist sehr schwierig, die Schriftzitate als solche zu eruieren.

Der Umgang mit dem Wort Gottes ist weniger intellektuell als vielmehr spirituell – mystisch. Wichtig ist, das es innere Wirkung zeigt. „Mit liegt nicht so sehr daran, Worte zu erklären, als vielmehr Herzen zu bewegen," schreibt Bernhard in seiner 16. Ansprache zum Hohenlied.32 Denn die eigentliche Erfahrung mit dem Wort Gottes geschieht nur im Innersten des Menschen.

Die Seele des Menschen sucht das Wort Gottes, ja sie hungert geradezu nach ihm wie nach der täglichen Nahrung. Das Wort kommt jedoch als Geschenk in das Innere des Menschen, ist Frucht seiner Liebe zu Gott. Diese Liebe, diese Öffnung auf Gott hin ist grenzenlos. Über diese Liebe sagt Bernhard:

„Der Grund, Gott zu lieben, ist Gott.

Das Maß ist, ohne Maß zu lieben."

causa diligendi Deum, Deus est; modus, sine modo diligere.33

Sinn und Triebfeder, Anfangs- und Ausgangspunkt aller bernhardinischen Theologie ist die Sehnsucht und die Liebe.

Das Wort Gottes und der tägliche Umgang mit ihm garantieren ein geistig - geistliches Wachstum und Erstarken in der Begegnung mit Gott. Der Mönch, die Nonne, eigentlich jeder Mensch verleibt sich das Wort Gottes ein im Wort und Sakrament; er erfährt immer mehr und immer tiefer Gott selber, Leben und Glück in ihm.

Bernhards Verhältnis zum Wort

Über sein eigenes Verhältnis zum Wort schreibt Bernhard in seiner 74. Ansprache zum Hohenlied:

„Ich gestehe, dass das Wort auch zu mir gekommen ist, und zwar öfters. Als Narr rede ich (2 Kor 11,17). Und obwohl es öfters bei mir eintrat, merkte ich mehrere Male nicht, als es eintrat. Ich merkte, wenn es da war, ich erinnere mich, dass es da gewesen ist; manchmal konnte ich auch sein Eintreten vorausahnen, fühlen niemals, nicht einmal sein Fortgehen (Ps 120,8). Denn woher es in meine Seele kam oder wohin es wegging, das, ich gestehe es, weiß ich auch jetzt nicht, gemäß jenem Wort: „Du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht." (Joh 3,8). Aber das ist nicht zu verwundern, denn es ist der, zu dem gesagt wird: „Doch niemand sah deine Spuren." (Ps 76,20). Bestimmt trat es nicht durch die Augen ein, denn es ist nicht farbig; aber auch nicht durch die Ohren, denn es klang nicht; auch nicht durch die Nase; da es sich nicht mit Luft vermischt, sondern mit dem Geist; und es tauchte nicht ein in die Luft, sondern es erschuf sie, aber auch nicht durch die Kehle, denn es ist nicht zu essen oder zu trinken; auch mit dem Tastsinn nahm ich es nicht wahr, denn es lässt sich nicht berühren. Auf welchem Weg kam es also herein? Oder vielleicht kam es gar nicht herein, weil es nicht von draußen kommt? Denn es ist nicht eines von den Dingen, die draußen sind (1Kor 5,12). Endlich kam es auch nicht aus meinem Inneren, denn es ist gut, und ich weiß, dass in mir nichts Gutes ist. Ich stieg auch in mein Höheres hinauf, und siehe, das Wort überragte auch dieses. Auch in mein Tieferes stieg ich als neugieriger Forscher hinab und fand trotzdem das Wort noch tiefer. Wenn ich hinausblickte erfuhr ich, dass es außerhalb meines Äußersten war; blickte ich in mein Inneres, so war es noch innerlicher. Und ich erkannte, wie wahr es ist, was ich gelesen hatte: „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir." (Apg 17,28). Aber selig ist jener, in dem das Wort ist, der ihm lebt, der von ihm bewegt wird."34

2. Christus – Mystik

Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus

Ein zweiter wichtiger Punkt der Theologie Bernhards ist basiert auf seiner Christusbeziehung, die in einer Christus-Mystik gipfelt. Diese birgt in sich die zentrale Kraft, alle zentrifugalen Kräfte im Wesen und Leben Bernhards zu bündeln und zur Einheit zu führen. Sie ist nach Kurt Ruh „die eigentliche Mitte der bernhardinischen Theologie und Urquelle seiner Spiritualität."35

Jesus ist der Mensch gewordene Sohn Gottes. Er wird für Bernhard Quelle und Ziel seines ganzen Lebens und Strebens. Dabei steht für ihn die menschliche, die erdhafte Dimension an Jesus im Vordergrund.

In Jesus Christus ist Gott selbst zugänglich und begreifbar geworden. Gott offenbart seine Liebe zu den Menschen durch die Inkarnation des göttlichen Wortes:

„Wahrhaftig, nirgendwo zeigt Gott seine Liebe so deutlich wie im Geheimnis seiner Menschwerdung und seines Leidens; nirgendwo wird seine Zuneigung offensichtlicher, nirgendwo leuchtet seine Güte heller auf als in seinem Menschsein. Der Apostel bringt das mit den Worten zum Ausdruck: „Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Erlösers" (Tit 3,4). Seine Allmacht hat er versteckt, weil er in Schwachheit kommen wollte (2 Kor 13,4)."36

Gott selbst tat durch seinen Abstieg auf die Erde den ersten Schritt auf uns Menschen zu. Krippe und Kreuz zeigen, wie weit dieser Gott geht. Tiefer geht es nicht mehr.

Der Mensch Jesus in seiner ganzen Schwachheit steht für Bernhard im Mittelpunkt. Krippe und Kreuz sind die beiden Kristallisationspunkte des Abstieges. Nicht nur die Stationen des Kreuzweges, sondern das ganze Erdenleben Christi ist als Passion zu verstehen. Die Inkarnation als solche ist Erniedrigung, ist Selbstentäußerung in Knechtsgestalt, Demütigung.37 Bernhard ist der erste, der dies erkannt und betont hat – lange vor Franziskus. Franziskus hat dies dann für das Volk umgesetzt, dass das einfache Volk es verstehen konnte.

Die Jesus-Mystik Bernhards hat ihren Ursprung in seiner Weihnachtsvision, die er im Alter von 8 Jahren bei den Stiftsherren in Châtillon hatte. Wir haben schon davon gehört.

Jesus ist – so Bernhard - der Begleiter durch alle Lebensphasen, durch alle Höhen und Tiefen spirituellen Lebens. Das Anrufen seines Namens nimmt Dunkelheit, Lauheit und Traurigkeit von der Seele und schenkt ihr wieder Licht, Zuversicht und Stärke. So könnte man die 15. Ansprache zum Hohenlied zusammenfassen. Hier liest man aber auch die folgenden Sätze, die mehr sagen als viele Erörterungen:

„Trocken ist jede Seelenspeise, wenn sie nicht mit diesem Öl (d.i. dem Namen Jesu) übergossen wird; sie ist ohne Geschmack, wenn sie nicht mit diesem Salz gewürzt wird. Wenn du etwas schreibst, schmeckt es mir nicht, wenn ich darin nicht den Namen Jesu lese. Wenn du über etwas sprichst oder einen Gedanken darlegst, schmeckt es mir nicht, wenn darin nicht der Name Jesu erklingt. Jesus ist Honig im Munde, Gesang im Ohr, Jubel im Herzen."

Jesus mel in ore, in aure melos, in corde jubilus.38

3. Kreuzes- bzw. Passionsmystik

Das Leiden Christi

Bernhards Spiritualität hat man vielfach als eine Leidens- und Kreuzesmystik bezeichnet, weil bei Bernhard Jesus als der menschgewordene, leidende und gekreuzigte Gott eine zentrale Rolle spielt.

Die Wunden Jesu sind für ihn nicht nur Beleg für die Liebe Gottes, die dem Menschen immer zuvorkommt;39 Folter, Kreuz und Tod sind auch Beweise für die Haltung des Gehorsams, wie Jesus den Weg des Gehorsams durch das Leiden auf sich nahm.40 Bei der Bedeutung des Gehorsams für das Leben als Mönch, verwundert es nicht, dass Bernhard auf diese Tugend für die Praxis so großen Wert legt.

Durch die Wunden Jesu hat der Mensch gleichsam Zugang zum Inneren Gottes, zu seinem Herzen. In der Passion legt Gott sein Innerstes schutz- und wehrlos dar. Die Wunden entschleiern das innerste Geheimnis Gottes, zeigen uns, was Gott in seinem Wesen ist, Liebe. Bernhard beschreibt dies mit folgenden Worten in der 61. Ansprache zum Hohenlied:

„Was sehe ich durch die Öffnung (d.i. der Wunden)? Es ruft der Nagel, es ruft die Wunde, dass Gott wahrhaft in Christus die Welt mit sich versöhnt <...> Offen liegt das Verborgene des Herzens durch die Öffnungen des Leibes, offen liegt jenes große Geheimnis der Güte. <...> Steht das Herz denn nicht durch die Wunden offen? <...> Mein Verdienst ist somit das Erbarmen des Herrn. Nicht arm an Verdiensten bin ich, solange er es nicht an Erbarmen ist. Wenn aber die Barmherzigkeit des Herrn reich ist, bin auch ich reich an Verdiensten. Was macht es denn aus, wenn ich mir vieler Sünden bewusst bin?"41Durch die Darstellung von Wunden, Herzen und Blut will Bernhard Betroffenheit auslösen.

Jesus kennen, und zwar als Gekreuzigten

Im Zentrum aller Gedanken steht aber Jesus, der Gekreuzigte. „Jesus kennen und zwar als den Gekreuzigten," um diese paulinische Lebensweisheit kreist Bernhards Denken und Lieben.

Der Gekreuzigte soll der einzige Gegenstand der Betrachtung werden, denn in ihm ist alles: Wissenschaft, Leben und Heil. Bernhard drückt dies wie folgt aus:

„Dies zu betrachten, nannte ich Weisheit. Darin sehe ich die Vollendung der Gerechtigkeit, die Fülle des Wissens; darin den Reichtum des Heils (Jes 33,6), darin den Schatz der Verdienste. <...> Dies richtet mich auf, wenn ich niedergeschlagen bin; es hält mich in Schranken, wenn es mir gut geht <...> es hält mir alle Gefahren zur Rechten und zur Linken vom Leib. Das hilft mir zur Versöhnung mit dem Weltenrichter, denn es zeigt ihn mir sanft und demütig <...>. Darum führe ich das oft im Mund, wie ihr wisst; ich trage es stets im Herzen, wie Gott weiß; es ist meiner Feder geläufig, wie jedermann weiß.

Das ist meine höchste, meine wesentlichste Philosophie: Jesus kennen, und zwar als Gekreuzigten <...> ich drücke ihn voll Freude an mich -----

haec mea subtilior, interior philosophia,

scire Jesum, et hunc crucifixum."42

Macht sich jemand diese Philosophie zu eigen, dann kehren sich ihm alle bislang gültigen Werte ins Gegenteil um, zumal die Werte, die in der Welt gelten.

Bernhards Theologie ist wesentlich Christologie und seine Frömmigkeit Christusfrömmigkeit. D.h. die Nachfolge Christi als Weg zur Vollkommenheit ist ein fortschreitender Übergang vom menschgewordenen Jesus zu dem in der Auferstehung und Himmelfahrt erhöhten Christus.43

Wer sich wirklich des Kreuzes rühmen will, muss sich von den Dingen der Welt lösen und trennen, um mit Jesus zu sterben – von den Toten aufzuerstehen – und zum Vater heimzukehren.

Die Christusmystik des hl. Bernhard von Clairvaux hat bis zur Gegenwart ihren Ausdruck in der bildenden Kunst in der Amplexus-Darstellung gefunden.

4. Marienminne

Und als 4. Schwerpunkt der Theologie des hl. Bernhards ist seine Marienminne zu nennen. Was er über Maria, die Gottesmutter, geschrieben und gesagt hat, gehört zu den kostbarsten Perlen der christlichen Literatur und Mariologie des Abendlandes, aber seine Marianischen Schriften machen nur einen sehr geringen Prozentsatz in seinem Werk aus: 3,5 %.

Und gerade weil Bernhard das Lob der Gottesmutter so wunderbar gesungen hat, schrieb man ihm eine Fülle von Marianischen Hymnen, Gedichten, Predigten und Abhandlungen zu, die er nie verfasst hat. Bernhard hat zwar keine eigene Marianische Theologie entwickelt, doch wegen seines hinreißenden Stiles nannte man ihn die „Zither Mariens – cithara Mariae".

Er vergleicht Maria mit Eva und nennt sie die „wahre Mutter des Lebens;" Maria ist das wahre Israel, in dem Gott gegenwärtig ist; sie ist die Bundeslade, die die Gegenwart Gottes verdeutlicht.

Bernhard nennt sie Königin, Fürsprecherin, Mittlerin und betont ihre Stellung in der Heilsökonomie ganz klar.

Maria wird nie losgelöst von ihrem Sohn Jesus Christus gesehen. Sie hat eine dienende Funktion. Alle Gnadenvorzüge hat sie um Christi willen, weil sie ja die Mutter des Gottessohnes ist, ja sie ist immer im Kontext mit den Glaubenden, der Kirche zu sehen.

„Was wir zum Lob der Mutter vorbringen, betrifft ohne Zweifel auch den Sohn und umgekehrt, wenn wir den Sohn ehren, entfernen wir uns nicht von der Ehre der Mutter."44

Ich habe sie auf dem Behang neben den Kreuzesstamm gestellt mit dem Kind auf dem Arm. Sie ist ja für Bernhard neben Christus die zweite Säule seiner Frömmigkeit. Sie ist die Quelle aller Heiligkeit auf Erden indem sie, die mit dem Urquell Christus in Verbindung steht, empfängt und weitergibt. Sie schenkt weiter, was sie von eben diesem Kind auf ihrem Arm empfangen hat.

Bernhards Mariologie ist für den Zisterzienserorden vorbildhaft und beispielgebend. Sie ist theologisch solide, voll Glut und Liebe, voller Affekt, aber trotzdem nie sentimental. Nicht ohne Grund sind alle Zisterzienserklöster Maria, der Königin des Himmels geweiht.

Zum Schluss möchte ich noch einen längeren Text aus dem „Lob der jungfräulichen Mutter" anfügen, in dem Bernhard den Namen „Maria" mit Stern im Meer deutet.

„Sie ist, sage ich, jener glänzende und alles überstrahlende Stern, zu unserem Heil emporgehoben über dieses große, weithin sich ausdehnende Meer, funkelnd durch Verdienste, Licht spendend durch ihr Vorbild. Ihr Menschen, die ihr erkennt, dass ihr im Strom des irdischen Lebens mehr zwischen Stürmen und Unwettern schwankt als auf festem Boden zu wandeln, wendet eure Augen nicht ab von dem Glanz dieses Sternes, wenn ihr von den Stürmen nicht überwältigt werden wollt. Wenn die Winde der Versuchungen sich erheben, wenn du in die Klippen der Trübsale gerätst, dann blick hin auf den Stern, ruf Maria an! Wenn du getrieben wirst auf den Wellen des Stolzes, auf den Wellen des Ehrgeizes, der Schmähungen, der Eifersucht, richte den Blick auf jenen Stern, ruf Maria an! Wenn Zorn, Habgier oder die Verlockungen des Fleisches dein Lebensschiff von der Bahn abbringen wollen, schau auf Maria! Wenn du, bestürzt über die Ungeheuerlichkeit der Vergehen, verwirrt durch das schlechte Gewissen, erfasst vom Schrecken vor dem Gericht, allmählich vom Abgrund der Trostlosigkeit, von der Tiefe der Verzweiflung verschlungen wirst, denk an Maria! In Gefahren, in Ängsten, in bedenklichen Lagen, denk an Maria, ruf zu Maria! Sie weiche nicht von deinen Lippen, nicht aus deinem Herzen, und damit du die Hilfe ihrer Fürbitte erlangen kannst, verliere nie das Beispiel ihres Lebenswandels aus deinen Augen. Wenn du ihr folgst, weichst du nicht vom rechten Weg ab, wenn du sie bittest, verzweifelst du nicht, wenn du an sie denkst, gehst du nicht fehl. Wenn sie ich hält, fällst du nicht, wenn sie dich schützt, bist du ohne Furcht, wenn sie dich führt, ermattest du nicht, wenn sie dir gnädig ist, gelangst du ans Ziel. So wirst du an dir selbst erfahren, wie zu Recht gesagt worden ist (Lk 1,27): Und der Name der Jungfrau war Maria."45

IV. Schlussbemerkung

Diese Ausführungen haben, so hoffe ich, in kurzen Strichen gezeigt, dass Bernhard eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Abendlandes war und dass diese Bedeutung auch ein wenig auf diesem Behang eingefangen ist.

Seine Liebe zu Christus prägt auch seine Liebe zu den Menschen. Christusliebe und Menschenliebe sind bei Bernhard eins.

Seine tiefe Christusbeziehung und Verwurzelung in ihm geben ihm Richtung und Kraft für seine Tätigkeiten in Politik und Gesellschaft und auch in der Kirche. Hier kann man fast Parallelen ziehen zum verstorbenen Papst Johannes Paul II. Auch er lebte und handelte aus seiner Beziehung zu Christus.

V.

Anhang

„Der Grund, Gott zu lieben, ist Gott.

Das Maß ist, ohne Maß zu lieben."

„Sieh hier vor allem, in welchem Maß, oder besser, wie ohne Maß Gott von uns geliebt zu werden verdient: Er hat – um in wenigen Worten das bereits Gesagte zu wiederholen – uns zuerst geliebt, er, der so groß ist, hat uns so sehr und ohne unser Verdienst geliebt, uns, die so Kleinen, so, wie wir sind. Siehe, was ich schon am Anfang gesagt zu haben mich erinnere: Das Maß, Gott zu lieben, ist, ihn ohne Maß zu lieben. Schließlich, da die Liebe, die sich Gott zuwendet, sich dem Unermesslichen, dem Unbegrenzten zuwendet – denn Gott ist unbegrenzt und unermesslich -, was könnte, so frage ich, die Grenze und das Maß unserer Liebe sein? Und was ist dazu zu sagen, dass unsere Liebe ja nicht mehr unverdient geschenkt wird, sondern als etwas Geschuldetes zurückerstattet wird? Es liebt also die Unermesslichkeit, es liebt die Ewigkeit, es liebt die alles Erkennen übersteigende Liebe. Es liebt Gott, dessen Größe kein Ende, dessen Weisheit kein Maß hat, dessen Friede alles Verstehen übersteigt. Und wir wollen etwas Begrenztes zurückerstatten? „Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke, Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Retter" (Ps17,2), der du für mich alles bist, was nur immer wünschenswert und liebenswert genannt werden kann. Mein Gott, mein Helfer, ich will dich lieben für deine Gabe und nach meinen Fähigkeiten, weniger freilich, als es angemessen wäre, aber gewiss nicht weniger, als ich kann."

Über die Gottesliebe I.1.

Maria: Stern im Meer

„Sie ist, sage ich, jener glänzende und alles überstrahlende Stern, zu unserem Heil emporgehoben über dieses große, weithin sich ausdehnende Meer, funkelnd durch Verdienste, Licht spendend durch ihr Vorbild. Ihr Menschen, die ihr erkennt, dass ihr im Strom des irdischen Lebens mehr zwischen Stürmen und Unwettern schwankt als auf festem Boden zu wandeln, wendet eure Augen nicht ab von dem Glanz dieses Sternes, wenn ihr von den Stürmen nicht überwältigt werden wollt. Wenn die Winde der Versuchungen sich erheben, wenn du in die Klippen der Trübsale gerätst, dann blick hin auf den Stern, ruf Maria an! Wenn du getrieben wirst auf den Wellen des Stolzes, auf den Wellen des Ehrgeizes, der Schmähungen, der Eifersucht, richte den Blick auf jenen Stern, ruf Maria an! Wenn Zorn, Habgier oder die Verlockungen des Fleisches dein Lebensschiff von der Bahn abbringen wollen, schau auf Maria! Wenn du, bestürzt über die Ungeheuerlichkeit der Vergehen, verwirrt durch das schlechte Gewissen, erfasst vom Schrecken vor dem Gericht, allmählich vom Abgrund der Trostlosigkeit, von der Tiefe der Verzweiflung verschlungen wirst, denk an Maria! In Gefahren, in Ängsten, in bedenklichen Lagen, denk an Maria, ruf zu Maria! Sie weiche nicht von deinen Lippen, nicht aus deinem Herzen, und damit du die Hilfe ihrer Fürbitte erlangen kannst, verliere nie das Beispiel ihres Lebenswandels aus deinen Augen. Wenn du ihr folgst, weichst du nicht vom rechten Weg ab, wenn du sie bittest, verzweifelst du nicht, wenn du an sie denkst, gehst du nicht fehl. Wenn sie ich hält, fällst du nicht, wenn sie dich schützt, bist du ohne Furcht, wenn sie dich führt, ermattest du nicht, wenn sie dir gnädig ist, gelangst du ans Ziel. So wirst du an dir selbst erfahren, wie zu Recht gesagt worden ist (Lk 1,27): Und der Name der Jungfrau war Maria.

Lob der jungfräulichen Mutter, 4.1

Jesus kennen, und zwar als Gekreuzigten

„Dies zu betrachten, nannte ich Weisheit. Darin sehe ich die Vollendung der Gerechtigkeit, die Fülle des Wissens; darin den Reichtum des Heils (Jes 33,6), darin den Schatz der Verdienste. <...> Dies richtet mich auf, wenn ich niedergeschlagen bin; es hält mich in Schranken, wenn es mir gut geht <...> es hält mir alle Gefahren zur Rechten und zur Linken vom Leib. Das hilft mir zur Versöhnung mit dem Weltenrichter, denn es zeigt ihn mir sanft und demütig <...>. Darum führe ich das oft im Mund, wie ihr wisst; ich trage es stets im Herzen, wie Gott weiß; es ist meiner Feder geläufig, wie jedermann weiß.

Das ist meine höchste, meine wesentlichste Philosophie: Jesus kennen, und zwar als Gekreuzigten <...> ich drücke ihn voll Freude an mich -----

haec mea subtilior, interior philosophia,

scire Jesum, et hunc crucifixum.

43. Ansprache zum Hohenlied, III

das Verhältnis zum:Wort

„Ich gestehe, dass das Wort auch zu mir gekommen ist, und zwar öfters. Als Narr rede ich (2 Kor 11,17). Und obwohl es öfters bei mir eintrat, merkte ich mehrere Male nicht, als es eintrat. Ich merkte, wenn es da war, ich erinnere mich, dass es da gewesen ist; manchmal konnte ich auch sein Eintreten vorausahnen, fühlen niemals, nicht einmal sein Fortgehen (Ps 120,8). Denn woher es in meine Seele kam oder wohin es wegging, das, ich gestehe es, weiß ich auch jetzt nicht, gemäß jenem Wort: „Du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht." (Joh 3,8). Aber das ist nicht zu verwundern, denn es ist der, zu dem gesagt wird: „Doch niemand sah deine Spuren." (Ps 76,20). Bestimmt trat es nicht durch die Augen ein, denn es ist nicht farbig; aber auch nicht durch die Ohren, denn es klang nicht; auch nicht durch die Nase; da es sich nicht mit Luft vermischt, sondern mit dem Geist; und es tauchte nicht ein in die Luft, sondern es erschuf sie, aber auch nicht durch die Kehle, denn es ist nicht zu essen oder zu trinken; auch mit dem Tastsinn nahm ich es nicht wahr, denn es lässt sich nicht berühren. Auf welchem Weg kam es also herein? Oder vielleicht kam es gar nicht herein, weil es nicht von draußen kommt? Denn es ist nicht eines von den Dingen, die draußen sind (1Kor 5,12). Endlich kam es auch nicht aus meinem Inneren, denn es ist gut, und ich weiß, dass in mir nichts Gutes ist. Ich stieg auch in mein Höheres hinauf, und siehe, das Wort überragte auch dieses. Auch in mein Tieferes stieg ich als neugieriger Forscher hinab und fand trotzdem das Wort noch tiefer. Wenn ich hinausblickte erfuhr ich, dass es außerhalb meines Äußersten war; blickte ich in mein Inneres, so war es noch innerlicher. Und ich erkannte, wie wahr es ist, was ich gelesen hatte: „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir." (Apg 17,28). Aber selig ist jener, in dem das Wort ist, der ihm lebt, der von ihm bewegt wird."

74. Ansprache zum Hohenlied II,5

Bildbetrachtung:

I.

Anfangsgebet

Alles ist Gabe von Dir und wird erst mein,

wenn ich es von Dir empfange.

Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand.

Das ist meine Wahrheit und meine Freude.

Immerfort blickt Dein Auge mich an,

und ich lebe aus Deinem Blick,

Du mein Schöpfer und mein Heil.

Lehre mich, in der Stille Deiner Gegenwart

Das Geheimnis zu verstehen, dass ich bin.

Und dass ich bin durch Dich,

und vor Dir, und für Dich.

Amen

Romano Guardini.

II.

Ich setze mich entspannt hin...

Ich lasse die Bilder los, die der Tag heute mit sich brachte...

Ich lasse mich ein auf dieses Bild...

Ich wende mich ihm ganz zu und lasse es auf mich wirken...

Was sehe ich auf diesem Bild

Was empfinde ich beim Anschauen des Bildes...

Habe ich mich – verwundert oder staunend – in diesem Bild wiedergefunden...

Ich begebe mich in meinen Gedanken an verschiedene Plätze des Bildes...

Ich kann den Platz suchen, der mir gehört... Wo passe ich hin

Ich verweile an diesem Platz

Ich bin ganz offen für die Botschaft des Bildes.

III.

Anregungen zur Meditation

Ich bitte Gott um das, wonach ich mich sehne:

Zu erfahren, dass er mich liebt,

damit ich mehr und mehr

zu einem liebenden Menschen werden kann.

Ich schaue auf das Antlitz Christi.

Sein liebender Blick gilt auch mir.

Ich darf mir bewusst werden: Ich bin sein „Augen-Blick".

Kann ich wahrnehmen,

dass er sich vom Kreuz liebend zu mir herabneigt,

um mir näher zu sein?

Ich schaue auf seine behutsam berührenden Hände.

Wie möchte ich von ihm berührt werden?

Christus ist in dunkle Leidenstiefen hinabgestiegen,

vertraue ich darauf, dass er mir nahe ist

in meiner Einsamkeit und meinen Enttäuschungen,

in meiner Angst, in meinem Leid und in meiner Trauer,

meinen Verwundungen und meinem Unversöhntsein?

Lasse ich mich von Christus versöhnen,

der aus Liebe zu mir den Tod am Kreuz auf sich nahm?

Bin ich bereit zur Versöhnung mit den Mitmenschen?

Bernhard schreibt: „Das Maß Gott zu lieben ist, ohne Maß zu lieben."

Kenne ich das Maß meiner Liebe?

Gott will mir begegnen in allen Dingen und Menschen.

Wieweit entdecke ich ihn darin?

IV.

Abschlussgebet

Voll Güte bist Du, Herr

für die Seele, die Dich sucht.

Doch was erst bist Du für die,

welche Dich findet?

Doch darin besteht das Wunderbare,

dass niemand Dich suchen kann,

der Dich nicht schon gefunden hat.

Du willst also gefunden werden,

damit man Dich sucht,

und gesucht werden,

damit man Dich findet.

Du kannst also gesucht

und gefunden werden,

aber niemand kann Dir zuvorkommen.

Wenn wir auch sagen „früh am Morgen

tritt mein Gebet vor Dich hin",

so gibt es trotzdem keinen Zweifel,

dass jedes Gebet lau ist,

dem nicht Dein göttlicher Antrieb

zuvorkam.

Bernhard von Clairvaux


1 Das Leben des hl. Bernhard von Clairvaux (Vita prima). Herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Paul Sinz. Reihe: Heilige der ungeteilten Christenheit. Düsseldorf 1962. 35ff.

2 BVP Lib.I Cap.I Nr.1; Sinz 35f.

3 BVP Lib.I Cap.I. Nr.2; Sinz 36

4 vgl. Paffrath, Arno, Bernhard von Clairvaux. Leben und Wirken – dargestellt in den Bilderzyklen von Altenberg bis Zwettl. Hrg. Altenberger Domverein e.V. Köln 1984. 27f.

5 Legenda Aurea des Jacobus v. Voragine, 13. Jh

6 BVP Lib.I Cap.III aus Nr.8,9; Sinz 42,43

7 vgl. Paffrath 46,48.

8 BVP Lib.I Cap.III Nr.17,18 Cap.IV Nr.19 Sinz 51f.

9 BVP Lib.I Cap.V Nr.25; Sinz 58f.

10 Paffrath 59

11 Hier zit. nach Denter, Thomas: Bernhard von Clairvaux und die Zisterzienserspiritualität. Vortrag vom 28.6.2003 in Thyrnau. 4.

12 Wilhelm von St Thierry, Das Leben des hl. Bernhard von Clairvaux, hier zit,. nach Duby. 77.

13 BVP Lib.I Cap.IV aus Nr.24; Sinz 57f.

14 BVP Lib.I Cap.XII Nr.50; Sinz 81

15 Paffrath 67 – 69

16 Vgl. Paffrath 99

17 BVP Lib.II Cap.I aus Nr.1; Sinz 102

18 BVP Lib.II Cap.VI aus Nr. 32,34,36 Nr. 37-39; Sinz 131,133,135f., 137-139

19 Paffrath 124

20 BVP Lib.II Cap.VII aus Nr. 46, Sinz 147f.

21 Paffrath 124

22 BVP Lib.II Cap.VII aus Nr. 47; Sinz 147f.

23 Paffrath 143

24 Paffrath 154f.; vgl. auch BVP Lib.III Cap.IV Nr.9-11; Lib.VI Cap.I Nr.1; EP. 206,289, 354, 363 u.a.

25 Paffrath 155

26 BVP Lib.III Cap.IV Nr.9,10; Sinz 169-171

27 Exordium Magnum Cisterciense oder Bericht vom Anfang des Zisterzienserordens. Von Conradus, Mönch in Clairvaux, später in Eberbach und Abt daselbst. Übersetzt und kommentiert von Heinz Piesik. Teil 1: Bücher I-III. Langwaden 2000. 155f. hier: Buch II, Kap. 7.

28 Fußnote 243: Brian Patrick McGuire, Gibt es eine spezifische Zisterzienser-Spiritualität? CistC 104, 1997, hier 353.

29 Schenkl, M. Assumpta, Bernhard und die Entdeckung der Liebe. In: Bauer, Dieter u. Gotthard Fuchs (Hrg.), Bernhard von Clairvaux und der Beginn der Moderne. Innsbruck, Wien 1996, 151-179, hier 156f.

30 Ansprache über die Barmherzigkeit, II,9. zit. nach Duby, 97.

31 Ich orientiere mich bei meinen Ausführungen an einem Vortrag von Abt Thomas Denter, den dieser am 28.6.2003 bei uns in Thyrnau gehalten hat.

32 16. Ansprache zum Hohenlied 1.

33 Über die Gottesliebe I,1. in: Bernhard von Clairvaux: Sämtliche Werke Bd. I. Hrsg. Gerhard Winkler, Innsbruck 1990. 75-151, hier 75.

34 74. Ansprache zum Hohenlied II.5. Bernhard von Clairvaux. Sämtliche Werke Bd. VI. Hrsg. Gerhard Winkler. Innsbruck 1995. 499ff.

35 zit. nach Steinke, Raphael, Das Maß der Gottesliebe ist Maßlosigkeit. Zisterziensische Spiritualität als Impuls für den Glauben heute. Zulassungsarbeit zur Zweiten Dienstprüfung in der Erzdiözese München und Freising. 1998. 30.

36 Predigt über verschiedene Themen. 29. Predigt: Über die Gottesliebe, 3. Bernhard von Clairvaux. Sämtliche Werke. Bd.IX , 445.

37 vgl. Steinke, Raphael, 1998, 30.

38 15. Ansprache zum Hohenlied 6. zit. nach Denter, Thomas: Bernhard von Clairvaux und die Zisterzienserspiri-tualität. Vortrag vom 28.6.2003 in Thyrnau. hier 9.

39 Über die Gottesliebe III,7. Bernhard von Clairvaux. Sämtliche Werke Bd. I.

40 Über die Stufen der Demut und des Stolzes,7. Bernhard von Clairvaux. Sämtliche Werke Bd. II

41 61. Ansprache zum Hohenlied, 4-5. zit. nach Denter, Thomas: Bernhard. 10.

42 43. Ansprache zum Hohenlied, III. zit. nach Denter, Thomas: Bernhard, 10f.

43 Altermatt, Alberich Martin: Lactatio und Amplexus: Die zentralen Themen der Bernhardsikonographie. In: Bernhard von Clairvaux. Der Zisterzienserheilige zur und in der Kunst. Hrsg.: Stiftung Kloster Eberbach, Dr. Jens Jakob. Katalog zur Ausstellung: Bernhard von Clairvaux. Der Zisterzienserheilige zur und in der Kunst. Abteimuseum Kloster Eberbach 2003. hier 31ff.

44 Lob der jungfräulichen Mutter. 4,1.

45 Lob der jungfräulichen Mutter, 4,1. zit. nach Denter, Thomas, Bernhard von Clairvaux und die Zisterzienserspiritualität, Vortrag vom 28.6.2003 in Thyrnau, 12f.

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